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 Bohrer

von Franken, Karl II.

von Franken, Karl II.

männlich 823 - 877  (54 Jahre)

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  • Name von Franken, Karl 
    Suffix II. 
    Spitzname der Kahle 
    Geboren 13 Jun 823  Frankfurt am Main [60311],Hessen,Deutschland Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  [1
    Geschlecht männlich 
    Titel/Amt/Status 25 Dez 875  [1
    römischer Kaiser 
    Titel/Amt/Status 875-877  Italien Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  [1
    König von Italien 
    Titel/Amt/Status 843-877  [1
    Westfränkischer König 
    Gestorben 6 Okt 877  Avrieux [73500],Savoie,Rhône-Alpes,Frankreich Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  [1
    Begraben Nantua [01130],Ain,Rhône-Alpes,Frankreich Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  [1
    • in Nantua beerdigt, später aber in die Kathedrale von Saint-Denis umgebettet.
    Personen-Kennung I382  Mittelalter
    Zuletzt bearbeitet am 18 Okt 2015 

    Vater von Franken, Ludwig I.,   geb. 16 Apr 778, Chasseneuil-du-Poitou [86360],Vienne,Poitou-Charentes,Frankreich Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort,   gest. 20 Jun 840, Ingelheim am Rhein [55218],Mainz-Bingen,Rheinland-Pfalz,Deutschland Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter 62 Jahre) 
    Mutter Judith,   geb. um 795,   gest. 19 Apr 843, Tours [37000],Indre-et-Loire,Centre-Val de Loire,Frankreich Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter ~ 48 Jahre) 
    Familien-Kennung F161  Familienblatt  |  Familientafel

    Familie 1 von Orleans, Irmintrud,   geb. 27 Sep 830,   gest. 6 Okt 869, Hasnon [59178],Nord,Nord-Pas-de-Calais,Frankreich Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter 39 Jahre) 
    Verheiratet 13 Dez 842  [1
    Kinder 
     1. von Franken, Ermentrud
    +2. von Franken, Judith,   geb. 844,   gest. 870  (Alter 26 Jahre)
     3. von Frankreich, Ludwig II.,   geb. 1 Nov 846,   gest. 10 Apr 879, Compiegne [60200],Oise,Picardie,Frankreich Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter 32 Jahre)
     4. von Aquitanien, Karl,   geb. um 847/848,   gest. 29 Sep 866, Buzancais [36500],Indre,Centre-Val de Loire,Frankreich Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter ~ 18 Jahre)
     5. von Franken, Karlmann,   geb. um 850,   gest. 876  (Alter ~ 26 Jahre)
     6. von Franken, Lothar,   geb. 850,   gest. 14 Dez 865  (Alter 15 Jahre)
    Zuletzt bearbeitet am 16 Okt 2015 
    Familien-Kennung F153  Familienblatt  |  Familientafel

    Familie 2 von der Provence, Richlinde,   geb. um 850,   gest. 22 Mrz 929  (Alter ~ 79 Jahre) 
    Verheiratet 12 Okt 869  [1
    Kinder 
     1. von Franken, Rothild,   geb. 871,   gest. 928/929  (Alter 58 Jahre)
    Zuletzt bearbeitet am 16 Okt 2015 
    Familien-Kennung F154  Familienblatt  |  Familientafel

  • Ereignis-Karte
    Link zu Google MapsGeboren - 13 Jun 823 - Frankfurt am Main [60311],Hessen,Deutschland Link zu Google Earth
    Link zu Google MapsTitel/Amt/Status - König von Italien - 875-877 - Italien Link zu Google Earth
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    Link zu Google MapsBegraben - - Nantua [01130],Ain,Rhône-Alpes,Frankreich Link zu Google Earth
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    Pin-Bedeutungen  : Adresse       : Ortsteil       : Ort       : Region       : (Bundes-)Staat/-Land       : Land       : Nicht festgelegt

  • Fotos
    Karl II. thront zwischen zwei Waffenträgern und weiblichen Personifikationen der Länder Francia und Gothia
    Karl II. thront zwischen zwei Waffenträgern
    Karl II. empfängt eine Delegation von Kanonikern aus der Abtei St.-Martin in Tours.
    Miniatur aus dem Sakramentar Karls des Kahlen

  • Notizen 
    • KARL II. DER KAHLE
      Westfränkischer König (843-877)
      König von Italien (875-877)
      römischer Kaiser seit 25.12.875
      13.6.823 Frankfurt - 6.10.877 Dorf Avrieux, Begraben: Nantua, dann St-Denis
      Einziger Sohn des Kaisers LUDWIG I. DER FROMME aus seiner 3. Ehe mit der WELFIN Judith, Tochter von Graf Welf


      Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 967, KARL II. DER KAHLE, Kaiser, westfränkischer König

      * 13. Juni 823 Frankfurt/Main, + 6. Oktober 877 Avrieux/Savoyen, Begraben: Nantua, dann St-Denis

      Nach der Ordinatio Imperii (817) aus der zweiten Ehe LUDWIGS DES FROMMEN mit der WELFIN Judith geboren, stürzte der aus fränkischem Erbfolgerecht resultierende Wille zu angemessener Ausstattung KARLS das Reich seit 829 in schwere Krisen. In wechselnden Koalitionen rangen LUDWIG DER FROMME und seine Söhen um die Reichsteilung. Nach dem Tod des Bruders Pippin I. (838) und des Vaters (840) besiegten KARL DER KAHLE und Ludwig der Deutsche den ältesten Bruder, Kaiser LOTHAR, 841 in der Schlacht bei Fontenoy; 843 kam es im Vertrag von Verdun zur Reichsteilung. Den westlichen Teil, begrenzt durch Schelde, Maas, Saone und Loire, erlangte KARL, der seinem regnum im Vertrag von Coulaines (November 843) mit dem Adel eine innere, bis 859 freilich bedrohte Grundlage schuf. Prekär waren die Ausgestaltung der karolingischen Brüdergemeinde und KARLS Durchsetzung im eigenen Reich, vor allem gegen die Bretonen und gegen die Ansprüche des Neffen Pippin II. auf Aquitanien. Erst der Akzeptanz des aquitanischen Adels verdankte KARL DER KAHLE seine Herrschaft dort seit 848, während Pippin852 und endgültig 864 in Kirchenhaft kam. Mehrfache Angebote des westfränkischen Adels an Ludwig den Deutschen zur Übernahme der Herrschaft im W erwiesen dei labilen Machtgrundlagen KARLS, die durch Angriffe der ostfränkischen KAROLINGER (854, 858/59) ernsthaft bedroht waren. Bereits vor dem in W-Franken als König amtierenden Bruder nach Burgund geflohen, vermochte sich KARL DER KAHLE nur dank der entschlossenen Haltung des westfränkischen Episkopats unter Führung Hinkmars von Reims 859 zu behaupten. Der Juni 860 in Koblenz geschlossene Friede bescherte dem westfränkischen Reich nach dem Abklingen ständiger Invasionen der Normannen eine Phase der Konsolidierung, in der KARL seine Herrschaft konsequent sicherte. Im Bund mit geistlichen Beratern betrieb er insbesondere die Fortentwicklung eines sakralisierten Königtums, deutlich schon 848 in seiner Krönung und Salbung zum aquitanischen König durch Erzbischof Wenilo von Sens, fortgeführt in Weiheakten am ältesten Sohn, Karl dem Kind, zum aquitanischen Unterkönig. 855, an der Tochter Judith zur englischen Königin anläßlich ihrer Vermählung 856 wie an der Gattin Irmintrud 866. Anknüpfend an politische Traditionen, gepflegt in kirchlichen Zentren der Francia und weitergeführt in der spät-karolingischen Hofkultur, suchte KARL DER KAHLE mit den Mitteln seiner Vorfahren zu regieren (Kapitularien, Entsendung von Missi) und baute die theoretischen Grundlagen der königlichen Amtsgewalt in der Idee des rex christianus weiter aus (besonders auf Hoftagen in Pitres 862-869. Freilich konnte damit der Wandel der Reichsverfassung, die Verringerung königlichen Fiskalgutes, der Aufbau adliger Herrschaftskomplexe und die beginnende Feudalisierung der Ämter kaum wirksam aufgehalten werden. Seit 869 wurde KARL DER KAHLE zum Nutznießer der Auflösung des lotharischen Mittelreichs. Nachdem König Lothar II. vor allem wegen scharfer Opposition im westfränkischen Episkopat die Annullierung seiner Ehe und die Legitimierung des Sohnes Hugo nicht hatte durchsetzen können, nuzte KARL II. DER KAHLE die Situation bei dessen Tod 869 zum Erwerb Lothringens und zu seiner von Hinkmar von Reims geleiteten Königskrönung in Metz. Damit wurde Ludwig der Deutsche provoziert, mit dem es 870 im Vertrag von Meerssen zu einer Teilung Lothringens kam; den Verlust der Aachener Pfalz suchte KARL DER KAHLE in der Gründung eines Marienstiftes in Compiegne und der Errichtung eines Zentralbaus in der Nachfolge Aachens zu kompensieren.
      875 konnte KARL DER KAHLE, der sich gegen die Designation des ostfränkischen Königs-Sohnes Karlmann durch Kaiser LUDWIG II. die Anwartschaft auf das Kaisertum von den Päpsten Hadrian II. und Johannes VIII. gesichert hatte, durch einen raschen Zug nach Rom die Kaiserkrone erlangen (25. Dezember 875); Johannes VIII., dem päpstlichen Coronator, bestätigte und erweiterte er die Pacta zwischen römischer Kirche und Frankenherrschern. KARLS Bulleninschrift "Renovatio imperii Romani et Francorum" täuscht nicht darüber hinweg, daß er sein Kaisertum dem Papst und den Römern verdankte, seine italienische Herrschaft schließlich einer Reichsversammlung vom Februar 876. Der westfränkische Adel trat im Sommer 876 in Ponthion den italienischen Entscheidungen bei. Die Grenzen karolingischer Kaiserpolitik traten bald zutage: KARLS Expansionsversuch nach O-Franken beim Tod Ludwigs des Deutschen scheiterten (militärische Niederlage gegen Ludwig den Jüngeren im Oktober 876 bei Andernach), und auch ein erneuter Italienzug, gegen die Opposition im westfränkischen Adel auf einem Hoftag zu Quierzy (Juni 877) vorbereitet, offenbarte trotz der Bestätigung des Kaisertums die Fragilität westfränkischer Politik. Angesichts der Bedrohung durch einen Angriff Karlmanns aus Bayern und der Verweigerung weiterer Hilfeleistung durch den eigenen Adel mußte KARL DER KAHLE aus Italien fliehen und starb in einem savoyischen Dorf, im westfränkischen Königtum von seinem Sohn Ludwig II. dem Stammler gefolgt.
      KARLS Herrschaft im Spannungsfeld von Tradition und politischem Wandel, basierend auf einer späten Blüte karolingischer Kultur im alten fränkischen Kernraum, schuf aus heterogenen geographischen, ethnischen, kulturellen, sprachlichen und historischen Wurzeln die Grundlage des westfränkisch-französischen regnum und seiner Monarchie, die seit dem 10., besonders seit dem 12. Jh. ihren Anfang in KARLS Königtum sah.

      Literatur:
      HEG I, 590ff. - NDB XI, 175-181 - J. Calmette, La diplomatiae carol. du traite de Verdun a la mort de Charles le Chauve 1901 - F. Lot-L. Halphen, Le regne de Ch. le Ch. I, 1909 - Receuil des actes de Ch. II. le Ch. roi de France, I-III, ed. G. Tessier, 1943-1955 - J. Fleckenstein, Die Hofkapelle der dt. Kg.e, I, 1959, 142-151 - P. E. Schramm, Der Kg. v. Frankreich I, 1960², 9ff. - P. Classen, Die Verträge v. Verdun und Coulaines 843 als polit. Grundlage des westfrk. Reiches, HZ 196, 1963, 1-35 - K.-U. Jäschke, Die Karolingergenealogien aus Metz und Paulus Diaconus. Mit einem Exkurs über K. 'd. K.', RhVjbll 34, 1970, 190-218 - W. Schlesinger, Zur Erhebung K.s zum Kg. v. Lothringen 869 in Metz (Landschaft und Gesch. [Fschr. F. Petri, 1970]), 454-475 - J. M. Wallch-Hadrill, A Carol. Renaissance Prince: the Emperor Ch. the Bald, PBA 64, 1978, 155-184 - P. Zumthor, Ch. le Ch., 1981² - J. L. Nelson, Politics and ritual in early medieval Europe, 1986 - P. Godman, Poets and Emperors, 1987 - W. Kienast, Die frk. Vasallität, 1990, 319ff. - Ch. the Bald. Court and Kingdom, ed. M. T. Gibson-J. L. Nelson, 1990² - N. Staubach, Rex christianus. Hofkultur und Herrschaftspropaganda im Reich K.s [im Dr.] -

      Werner Karl Ferdinand: Seite 447, "Die Nachkommen Karls des Großen bis um das Jahr 1000 (1.-8. Generation)"

      III. Generation 16
      Zum Lebensgang KARLS II. Dümmler 1,51,127;2,388,397; Eiten 133-139; Lot-Halphen 11-67; BM² 1473f, 1479h.
      Das Tagesdatum der Ehe mit Ermentrud, das bei Brandenburg fehlt: Lot-Halphen 60, Anm. 3 (Die Angabe zweier Diplome, Tessier nr. 246 und 247, ist Nithard IV,6, der vom 14. Dezember spricht, vorzuziehen).
      Geburtstag Ermentruds: Tessier nr. 246.
      Zur Familie der Ermentrud und ihrer politischen Rolle Werner, Unters. 154ff. Zur Vorgeschichte von KARLS zweiter Ehe mit Richildis (Brandenburg druckt auf der Tafel versehentlich "Richardis", was Isenburg, Stammtafeln, getreulich abschreibt; in der Anmerkung hat Brandenburg den richtigen Namen) Annales Bertiniani 869 und dazu die Anmerkung von L. Levillain in der Ausgabe von Grat, Paris 1964. Am 6. Oktober starb Ermentrud in S.-Denis, am 9. Oktober erhielt KARL die Nachricht in der Pfalz Douzy in den Ardennen und befahl seinem Günstling Boso, dessen offenbar für diesen Fall schon bereitgehaltene Schwester Richildis herbeizubringen, und diese traf am 12. Oktober bei KARL ein.- Der coniunctio der Liebesleute gedenkt, das Datum nennend, das Diplom Tessier nr. 355. Das Datum der später folgenden Eheschließung gibt Brandenburg irrig mit 870 XI 22, statt I 22 (Ann. Bertiniani 870: in die festivitatis septuagesimae = I 22). Das Todesdatum Richildis (Brandenburg "nach 877") läßt sich präzisieren. Wir besitzen zwei Urkunden, die Richildis zwischen 910 II 4 und 911 II 3 ausgestellt hat, ed. D'Herbomez, Cartulaire de l'abbaye de Gorze (Mettensia II), nr. 87 und 88. Auf diese letzte Erwähnung Richildis hat übrigens schon Dümmler 3,673, Anm. 3 hingewiesen. Im gleichen Chartular ist aber eine Urkunde des Neffen der Richildis, des Grafen Boso, von 913 X 10/914 XII 20 abgedruckt (nr. 19), die den Terminus ante quem für Richildes Tod ergibt. Zur Familie der Richildis und ihres Bruders Boso Poupardin, Provence 41-55.
      829 erhielt KARL DER KAHLE Schwaben, Raetien und Teile Burgunds zugesprochen, wogegen sich seine drei älteren Brüder empörten. Obwohl er 839 bei der Reichsteilung gut bedacht worden war, empörte er sich 840 mit Ludwig dem Deutschen gegen LOTHAR I., der entsprechend der Ordinatio imperii von 817 die volle Kaisergewalt forderte, und schlugen sein Heer am 25.6.841 bei Fontenay (südwestlich von Auxerre) entscheidend. Im Vertrag von Verdun (10.8.843) erhielt KARL die westlichen Reichsgebiete, westlich von der Schelde, Maas, Saone und Rhone. Ihm blieb es überlassen, seinen im Vertrag nicht berücksichtigten Neffen Pippin II. aus Aquitanien zu verdrängen. Auf dem Hoftag zu Coulaines bei Le Mans (November 843) versprach KARL den Großen seines Reiches die Wahrung ihrer Rechte und der Kirche den Schutz ihrer Rechte und die Garantie ihres Besitzes. Die politische Gewalt ging nach den hier getroffenen Vereinbarungen nicht mehr vom König allein aus, sondern zugleich auch von der Gemeinschaft der Großen, die dem König als Partner gegenübertraten. 856 und 858 riefen die mit KARL unzufriedenen Großen Ludwig II. den Deutschen ins Land. Bei der Bekämpfung der Normannen blieb KARL erfolglos. Diese gelangten 844 bis Toulouse, 845 bis Paris, verwüsteten 856 Orleans, 857 Paris und Tours und erschienen 859/60 sogar im Rhonegebiet. Nach langen Kämpfen gelang es KARL 864, Pippin II. in Aquitanien auszuschalten und dieses große Gebiet fester ins westfränkische Reich einzugliedern. Nach dem Tode Lothars II. (+ 8.8.869) besetzte KARL dessen Reich und wurde ohne nennenswerte Kämpfe von den Großen Lothringens anerkannt. Bereits am 9.9.869 wurde er in Metz von Erzbischof Hinkmar von Reims gesalbt und gekrönt. Als Ludwig der Deutsche mit militärischen Mitteln Anspruch auf Lothringen geltend machte, mußte KARL im Vertrag von Meersen (8./9.8.870) einer Teilung Lothringens zustimmen. Ähnlich schnell reagierte KARL, als Kaiser LUDWIG II. am 12.8.875 starb. Bereits Ende September erschien er mit einem kleinen Heeresaufgebot in Oberitalien. Am Weihnachtstage des Jahres 875 wurde KARL - genau 75 Jahre nach KARL DEM GROSSEN - in Rom zum Kaiser gekrönt und bald darauf, im Februar 876, in Pavia auch von den lombardischen Großen anerkannt. KARL vermochte diesen Erfolg trotz der Proteste von ostfränkischer Seite zunächst zu behaupten, und als im August 876 Ludwig der Deutsche starb, unternahm er sogar den vergeblichen Versuch, den 870 abgetretenen Teil Lothringens zurückzugewinnen. In den Kapitularien von Quierzy (Juni 876) mußte der König vor einem geplanten Italienzug den Großen beträchtliche Zusagen machen, um sie zur Teilnahme zu bewegen. KARL II. wünschte auf diesem Hoftag sicherzustellen, dass im Falle seines Todes auf dem Italienzug sein Sohn Ludwig der Stammler als Nachfolger anerkannt wurde. Dafür versprach er, dass den Söhnen der Großen die väterlichen Lehen, auch Grafschaften überlassen werden sollten, falls der Vater während des Italienzuges sterben sollte. Diese Verfügung trug allgemein zur Festigung des Prinzips der Erblichkeit der Lehen bei und stärkte die Unabhängigkeit der Kronvasallen gegenüber dem Königtum. Im August 877 brach KARL, vom Papst dringend gegen die Plünderungszüge der nordafrikanischen Sarazenen zu Hilfe gerufen, abermals mit nur wenigen Kriegern nach Italien auf. Diesmal mußte er jedoch vor einem starken ostfränkischen Heer nach kurzer Zeit die Flucht ergreifen. Bei der Überquerung der Alpen starb er unweit des Mont Cenis.
      Sein ehrgeiziger Versuch, auf den Spuren KARLS DES GROSSEN das fränkische Großreich zu erneuern, war infolge der unzureichenden militärischen Mittel gescheitert. Das westfränkische Reich, in dem sich der erstarkende Adel immer unabhängiger gebärdete, war keine geeignete Basis für eine so weit ausgreifende Politik. Dennoch ist es unbestreitbar, dass die Regierungszeit KARLS DES KAHLEN den Grundstein für den Zusammenhalt des westfränkischen Reiches gelegt hat.

      Schieffer Rudolf: "Die Karolinger"

      Nach dem Verzicht seines Vaters LUDWIG auf dem "Lügenfeld" zu Colmar wurde der 10-jährige KARL unter LOTHARS Verantwortung ins Eifelkloster Prüm gesperrt, aus dem ihn der Sturz LOTHARS befreite. Ende des Jahres 838 verfügte der Kaiser von sich aus eine neue Ausstattung KARLS, die die zentralen Bereiche der Francia von Friesland über die Gaue zwischen Maas und Seine bis weit nach Burgund umfaßte, wogegen Ludwig und LOTHAR protestierten. Während im Sommer 838 Ludwig dem Deutschen alle rechtsrheinischen Gebiete bis auf Bayern wieder entzogen wurden, stieg der Stern KARLS immer höher. Im September wurde er in Quierzy nach Vollendung des 15. Lebensjahres mit dem Schwert umgürtet und von seinem Vater zum König gekrönt, wobei er Neustrien als Unterherrschaft erhielt, anscheinend neben dem im Vorjahr verfügten Erbteil. Ende Mai 839 auf der Reichsversammlung in Worms teilte Kaiser LUDWIG I., nachdem er sich mit seinem ältesten Sohn ausgesöhnt hatte, das Erbe erneut, abzüglich des für Ludwig den Deutschen vorbehaltenen bayerischen "Pflichtteils", entlang von Maas, Saone, Rhone und W-Alpen. LOTHAR wählte die östliche, Italien einschließende Hälfte, KARL die westliche und damit auch den Konflikt mit den Söhnen des eben verstorbenen Bruders Pippin.
      KARL DER KAHLE hatte überhaupt die schwierigste Ausgangslage unter den 3 Brüdern zu meistern. Nach dem Wegfall der väterlichen Protektion erwies sich seine Herrschaft in Aquitanien als kaum durchsetzbar, aber auch in der westlichen und südlichen Francia hatten sich 840/41 zunächst viele Magnaten ihm verweigert und LOTHAR zugewandt. Erst nach dem Sieg von Fontenoy (25.6.841) konnte KARL daran gehen, sich bestimmenden Einfluß auf die Kirchen und ihren Besitz zu sichern, indem er Ebo, den im Vorjahr wiedereingesetzten Erzbischof von Reims, endgültig verdrängte und immerhin Drogos Bruder, den Abt von Saint-Quentin und letzten Kanzler LUDWIGS DES FROMMEN, auf seine Seite zog. An der Spitze des Hofklerus erscheint jedoch als Erzkapellan Bischof Ebroin von Poitiers, zugleich Abt von Saint-Germain-des-Pres in Paris, der früher bei Pippin I. von Aquitanien Kanzler gewesen war und sich durch Herkunft aus der im ganzen fränkischen Westen mächtigen Sippe der RORGONIDEN empfahl, während KARL für das Amt des Erzkanzlers einen mit diesem gemeinsamen Verwandten gewann: Ludwig, der einer Verbindung von KARLS DES GROSSEN Tochter Rortrud mit eben dem Grafen Rorico/Rorgo entstammte und nun zum Abt von Saint-Denis gemacht wurde. Aus diesem Kloster wiederum ging 845 der Mönch Hinkmar hervor, mit dessen Erhebung zum Erzbischof KARL die lange Vakanz in Reims beendete. Bedachtsam war auch die Wahl des Gattin, die der 19-jährige König Ende 842 ehelichte, denn sie fiel auf Irmintrud, die Tochter des 834 gegen LOTHAR gefallenen Grafen Odo von Orleans und Nichte des einflußreichen Seneschalk Adalhard, "weil er (durch diese Heirat) den größten Teil des Volkes für sich zu gewinnen glaubte" (wie Nithard durchaus kritisch anmerkte). Jedenfalls gebar Irmintrud nach einer Tochter Judith 846 den Stammhalter Ludwig, dem im kurzem Abstand noch drei weitere Söhne, Karl, Karlmann und Lothar, folgten. Neben der dynastischen Sicherung seiner Herrschaft besorgte KARL auch eine gleichsam konstitutionelle, indem er im November 843 bald nach dem Vertragsabschluß von Verdun, auf einer Reichsversammlung in Coulaines bei Le Mans schriftlich eine Vereinbarung seiner weltlichen und geistlichen Großen billigte, die auf eine Garantie der honores von Kirche, König und Getreuen abzielte und jeden Mißbrauch von "Verwandtschaft, Hausgenossenschaft oder Freundschaft" mit dem König zum persönlichen Vorteil ausschließen sollte: "Es ist der Gedanke des gleichen und gemeinsamen Rechtes, der die im gleichen Teilreich zusammengeführten Herren eine Genossenschaft bilden läßt, die dem König gegenübertritt" (P.Classen).
      Vom halbwegs gefestigten Terrain der westlichen Francia aus suchte sich KARL DER KAHLE, ungeachtet der ständig zunehmenden Herausforderung durch die Normannen, auch weiter südlich Geltung zu verschaffen. Beim Vorstoß nach Aquitanien konnte er 844 zwar den Grafen Bernhard von Septimanien, einst Favorit seiner Mutter Judith, mit List in seine Gewalt bringen und als Hochverräter hinrichten lassen, doch wußte sichPippin II. weiter im Lande zu behaupten und fügte KARLS Aufgebot bei Angouleme eine empfindliche Niederlage zu, die Hugo von Saint-Quentin das Leben kostete und den Erzkapellan Ebroin von Poitiers zum Gefangenen machte. KARL blieb nichts anderes übrig, als im Frühjahr 845 (während gerade die Wikinger in Paris wüteten) mit dem Neffen einen Friedensvertrag in Fleury abzuschließen, worin Pippin gegen ein allgemeines Ergebenheitsversprechen die Hoheit über fast ganz Aquitanien zugestanden wurde. Nicht minder zu einem Debakel geriet der anschließende Versuch, die Bretonen wieder botmäßig zu machen, die unter ihrem Anführer (dux) Nominoe während der fränkischen Reichskrise kräftig an Boden gewonnen und zudem in den Söhnen von LOTHARS Parteigänger Lambert von Nantes (+ 837) Verbündete gefunden hatten. KARLS Aufmarsch gegen sie endete am 22.11.845 in einem Gefecht bei Ballon unweit von Redon, in dem Nominoe obsiegte, was auch hier eine Einigung auf der Basis des ungünstigen Status quo erforderlich machte (846). KARL ließ sich gleichwohl nicht entmutigen und hatte 848 mehr Glück, als ihm beim normannischen Einfall in Aquitanien ein gewisser Abwehrerfolg gelang, der, verglichen mit Pippin, den Eindruck größerer Schlagkraft vermittelte. Das konnte er nutzen, um sich sogleich in Orleans von vielen, freilich nicht allen, aquitanischen Großen zum König ihres Landes akklamieren, also wählen, und überdies durch Erzbischof Wenilo von Sens salben und krönen zu lassen. Er erlangte auf diese Weise eine formal nicht durch den Vertrag von Verdun begründete und zudem sakral bekräftigte Autorität, die auch auf die Francia ausstrahlte, ihn vor allem aber beflügelte, 849 unangefochten bis Limoges und Toulouse vorzudringen. Pippin II. dagegen sah seinen Anhang schwinden und fiel 852 - wie schon 849 sein jüngerer Bruder Karl - in die Hände KARLS DES KAHLEN, der ihn im Kloster Saint-Medard in Soissons festsetzte. Der (einstweilige) Durchbruch in Aquitanien ließ sich allerdings gegenüber der Bretagne nicht wiederholen, deren Herrscher Nominoe sich vielmehr politisch und kirchlich vollends verselbständigen und einen Metropoliten in Dod einsetzte, und von ihm, wohl 850, zum König gesalbt zu werden. Nach seinem plötzlichen Tod (851) nahm der Sohn und Nachfolger Erispos im August 851 in einer dreitägigen siegreichen Schlacht am Fluß Vilaine den W-Franken jede Hoffnung auf einen Umschwung und erzwang im Frieden von Angers seine Anerkenneng samt Überlassung der ganzen bretonischen Mark um Nantes und Rennes.
      Auf die mit knapper Not überstandenen Krise in Aquitanien reagierte KARL DER KAHLE in ganz dynastischewr Weise: Da er sich auch weiterhin mit Pippins Sonderherrschaft nicht abfinden mochte, suchte er die eigene Familie gerade in den gefährdeten Zonen seines Reichsteils verstärkt sichtbar zu machen. Den etwa 8-jährigen Sohn Karl das Kind bestimmte er im Oktober 855 den Aquitaniern "auf ihren Wunsch", wie es heißt, zum König und ließ ihn in Limoges salben und krönen, um Pippinden Boden zu entziehen, während er für seinen Ältesten, den mit einem Sprachfehler behafteten Ludwig den Stammler, 856 ein Verlöbnis mit einer Tochter des Bretonen-Führers Erispoe verabredet und den 10-jährigen mit einem Unterkönigtum im angrenzenden Neustrien ausstattet. Offenbar gedachte KARL auf diese beiden überhaupt sein monarchisches Erbe zu beschränken, denn zu 854 wird auch überliefert, dass sein dritter Sohn Karlmann die geistliche Tonsur erhielt, also entgegen aller Familientradition trotz legitimer Abkunft von der Aussicht auf Machtbeteiligung ausgeschlossen werden sollte. Der Grund kann eigentlich nur in der Sorge vor einer Zersplitterung W-Frankens durch allzu viele konkurrierende Thronanwärter gesehen werden, anders als im Falle des jüngsten Königs-Sohns Lothar, der wegen angeborener Gebrechen von vornherein als herrschaftsunfähig gegolten hatte und in jungen Jahren ins Kloster gegeben wurde.
      Die stabilisierende Wirkung, die sich KARL DER KAHLE von dieser zeitigen "Hausordnung" versprach, sollte ihm gewiß den Rücken freihalten angesichts der politischen Unwägbarkeiten, die sich 855 aus dem absehbaren Ende LOTHARS I. ergaben.
      Was sich als "Samtherrschaft" des karolingischen Hauses gedacht war, bot sich damit für die nächste Zeit als ein Nebeneinander von 5 Teilreichen dar, die sich nach Größe und innerer Kohärenz deutlich unterschieden. Das Kaisertum war von Aachen, ja der gesamten Francia gelöst, weshalb nördlich der Alpen um so mehr der Gegensatz zwischen den beiden KARLS-Enkeln im Westen und im Osten dominierte, die sich wechselseitig am Eingreifen in die Händel ihrer jungen Neffen im Mittelreich gehindert hatten. Gegenüber Ludwig dem Deutschen, der 856 Karl, den aus westfränkischer Haft entkommenen jüngeren Bruder Pippins von Aquitanien, als Erzbischof in Mainz installierte (+ 863), blieb KARL DER KAHLE weiter im Nachteil. Weder vermochte er gegen Pippin viel Boden gutzumachen noch gar der Normannen Herr zu werden, die ihre Plünderungen von Städten und Klöstern ungehemmt fortsetzten und durch die Einrichtung fester Stützpunkte in den Mündungsgebieten von Seine, Loire und Gironde geradezu systematisierten. Obendrein mußte KARL 857 erleben, dass Erispoe ermordet wurde und der neue Bretonenkönig Salomon sogleich Ludwig den Stammler aus seinem angrenzenden Unterkönigtum um Le Mans verjagte. Verärgerte, zum Widerstand entschlossene Große namentlich aus Aquitanien und Neustrien hatten schon 856 eine Intervention Ludwigs des Deutschen erbeten, der jedoch nur abwinkte. KARL DER KAHLE suchte sich 857 durch ein Bündnis mit Lothar II. zu sichern, was Ludwig zu einem Treffen mit seinem kaiserlichen Neffen in Trient veranlaßte. Als ihm 858 erneut eine westfränkische Adelsgruppe um Robert den Tapferen, den Grafen von Anjou und Touraine aus dem ursprünglich rheinfränkischen Hause der ROBERTINER, und den Erzbischof Wenilo von Sens die Herrschaft anbot, hielt er sich nicht länger zurück und gedachte seine Stellung als ältester und mächtigster Teilkönig des Hauses eine fühlbare Suprematie über das karolingische Gesamtreich umzumünzen. Während KARL DER KAHLE nach der Verschleppung seines Erzkanzlers, des KARLS-Enkels Ludwig von Saint-Denis, durch die Normannen zusammen mit Lothar II. die Feinde auf der Seine-Insel Oscellus (bei Rouen) belagerte, drang Ludwigim Herbst 858 von Worms aus bis in die Gegend von Orleans vor und traf am 12.11. bei Brienne an der Aube auf KARL, der jedoch wegen seines tägliche schwindenden Anhangs dem Kampf auswich und nach Burgund floh. Ludwig richtete sich in der Pfalz Attigny ein, wo er Lothar II. empfing, urkundete in westfränkischen Belangen und glaubte sich am Ziel seiner kühnsten Wünsche.
      In diesem Moment setzte die im französischen Geschichtsbewußtsein berühmt gewordene Gegenbewegung zugunsten KARLS ein, freilich nicht aus einer nationalen oder sprachlichen Aversion gegen den ostfränkischen Eindringling, sondern, historisch nicht minder bemerkenswert, aus verletztem Rechtsempfinden über die Mißachtung der beiden Verträge und eines gesalbten Königs, letztlich aus dem Bedürfnis nach Wahrung der Reichsteilung, die inzwischen als dauerhafte Friedensordnung erschien. Es kennzeichnet den geschichtlichen Wandel, dass der Umschwung von Männern der einst eher universalistisch eingestellten Kirche ausging, die sich unter Führung des Erzbischofs Hinkmar von Reims einer von Ludwig anberaumten Synode, womöglich zu dessen Krönung, verweigerten. Ihr Beispiel förderte bald auch bei vielen weltlichen Großen ein Verhalten, das Ludwigs Herrschaftsanspruch ins Leere gehen ließ. Nachdem er noch das Weihnachtsfest in Saint-Quentin begangen hatte, sah er sich am 15.1.859 zum Rückzug vor dem herannahenden KARL gezwungen und überließ ihm kampflos das Feld. Die förmliche Wiederherstellung des Friedens erforderte mehr als Jahresfrist und lag vornehmlich in den Händen des Episkopats sowie König Lothars II., der sich vorab mit KARL DEM KAHLEN aussöhnte und dann Mitte 859 als Vermittler und Gastgeber zunächst einer Zusammenkunft mit ihm und Karl von der Provence samt den jeweiligen Bischöfen in Savonnieres (bei Toul), schließlich einer direkten Begegnung KARLS DES KAHLEN mit Ludwig dem Deutschen auf einer Rheininsel bei Andernach auftrat. Am schwersten fiel die Einbeziehung der westfränkischen Großen in die Einigung, denn Ludwigbeharrte auf einer Amnestie für seine Parteigänger, wozu sich KARL nur sehr zögernd bereitfand. Erst daraufhin wurde es möglich, Anfang Juni 860 in Koblenz den Konflikt endgültig beizulegen und, wenn schon nicht die Brüderlichkeit, so doch den Respekt vor den vereinbarten Grenzen gegenseitig auf Romanisch und Fränkisch zu beschwören.
      Auf Seiten KARLS DES KAHLEN stehen nach der schweren Krise von 858/59 politisch-militärische Erfolge nach außen heftigen Verwicklungen in seinem familiären und aristokratischen Umfeld gegenüber. Des aquitanischen Dauerproblems wurde er nun endlich ledig, da Pippin II. ohne die Aussicht auf Unterstützung durch andere KAROLINGER mehr und mehr an Boden verlor und zuletzt nur noch mit den Normannen im Bunde das Land unsicher machte, bis er 864 aufgegriffen wurde und in Klosterhaft in Senlis verschwand. Gegen die Bretonen unter dem dux Salomon, denen sich rorgonidische Grafen und selbst der Königs-Sohn Ludwig der Stammler, zuvor neustrischer Unterkönig, zugewandt hatten, half die Aussöhnung KARLS mit Graf Robert dem Tapferen (861), dessen Schlagkraft zumindest mittelbar einen erträglichen Friedensschluß in Entrammes bei Le Mans (863) herbeiführte. Als Befehlshaber im Raum zwischen Seine und Loire war Robert auch sehr wirksam in der Normannenabwehr, die der König jetzt durch vermehrten Befestigungsbau und dank gesteigerter Abgaben der Untertanen soweit zu intensivieren verstand, dass den Feinden das Vordringen merklich erschwert wurde. Roberts Tod im Gefecht bei Brisssarthe im Anjou (866) begründete wesentlich den Ruhm seines Geschlechts, der späteren KAPETINGER, gehört im Grunde aber bereits in eine Phase nachlassender normannischer Aggressivität, die sich für ein Jahrzehnt wieder stärker gegen England kehrte. Da Roberts Söhne, die nachmaligen Könige Odo und Robert, noch minderjährig waren, traten zunächst wieder Repräsentanten anderer großer Familien in den Vordergrund: der WELFE Hugo ("der Abt", als Inhaber von Saint-Germain in Auxerre), überKaiserin Judith ein Vetter des Königs, im Besitz der Befehlsgewalt in Neustrien und 867 der RORGONIDE Gauzlin als Nachfolger Ludwigs von Saint-Denis in der Würde des Erzkanzlers.
      Gleichzeitig verdüsterte sich jedoch die Zukunft des W-Reiches. Beide königliche Söhne KARLS DES KAHLEN, so berichtet Erzbischof Hinkmar in seiner 861 aufgenommenen Fortsetzung der Reichsannalen, wählten 862 eine Gattin gegen Willen des Vaters, ließen sich also für Adelsgruppen gewinnen, deren Bevorzugung nicht den aktuellen Zielen des Hofes entsprach. Karl das Kind, der kaum 15-jährige König Aquitaniens, verband sich mit der Witwe des Grafen Humbert (von Bourges?), was der Vater als Rebellion betrachtete und 863 mit dem Einmarsch in Aquitanien, mit der Absetzung des Sohnes und dessen Inhaftierung in Compiegne ahndete. Als KARL 865 einen neuen Versuch mit seinem gleichnamigen Sohn als König von Aquitanien machte, litt dieser bereits schwer an den Folgen eines Jagdunfalls, denen er 866 erlag. Dass schon 865 auch der bei der Geburt schwächliche Sohn Lothar, zuletzt nomineller Abt von Saint-Germain in Auxerre, und anscheinend um dieselbe Zeit Zwillingssöhne im Kindesalter verstorben waren, mag den besorgten KARL bewogen haben, seiner etwa 36-jährigen Gattin Irmintrud 866 in Soissons eine feierliche Salbung und Krönung durch die Bischöfe mit Gebetsbitte um weitere Nachkommmenschaft zuteil werden zu lassen, doch hinderte ihn dies keineswegs, kurz darauf deren Bruder als Aufrührer mit dem Tode zu bestrafen. Als Erbe geblieben war ihm allein der zuvor wenig bewährte Ludwig der Stammler, dem er 867 das vakante aquitanische Regnum anvertraute und dessen Gemahlin Ansgard zwischen 863 und 866 die Enkel Ludwig (III.) und Karlmann zur Welt brachte. Sein Vorrang scheint ab 870 den früh ins Kloster gegebenen und inzwischen mit mehreren Abteien ausgestatteten Königs-Sohn Karlmann zum Aufstand getrieben zu haben, der jedoch trotz einiger hochmögender Mitverschworener KARL kaum ernsthaft gefährden konnte und 873 mit Karlmanns Bestrafung durch Blendung sein düsteres Ende fand (+ 876).
      Da Kaiser LUDWIG II. nach dem Tode seines Bruders Lothar II. (8.8.869) keine Anstalten machte, über die Alpen zu kommen und Ludwig der Deutsche in den entscheidenden Wochen krank in Regensburg darniederlag, war die Bahn frei für KARL DEN KAHLEN, der durch rasches Vorgehen im Wechselspiel mit seinem Anhang im Lande allen konkurrierenden Bestrebungen zuvorkam. Seine Königskrönung in Metz, bereits am 9.9.869 feierlich nach einem von Erzbischof Hinkmar entworfenen Ritus vollzogen, bezeugt ebenso wie der anschließende Zug nach Aachen und die Einsetzung neuer Erzbischöfe in Trier und Köln KARLS Entschlossenheit, entgegen früheren Teilungsabreden vom ganzen regnum Lotharii Besitz zu ergreifen und sich damit ein klares gesamtfränkisches Übergewicht zu sichern. Im Vollgefühl des Erfolges feierte er Anfang 870 in Aachen die Hochzeit mit seiner zweiten Gattin Richilde, einer Nichte Theutbergas und Hukberts, die an die Stelle der 869 gestorbenen Irmintrud trat und deren Bruder Boso von nun an eine wesentliche Rolle spielen sollte. Allerdings ließ sich der auf Anhieb erzielte Gebietszuwachs nicht völlig halten, als der ostfränkische Ludwig nach seiner Genesung die eigenen Ansprüche anmeldete und dafür ebenfalls Anklang unter den lotharingischen Großen fand. Eine Teilung wurde doch noch unumgänglich und nach einer grundsätzlichen Einigung im März in allen Einzelheiten im Vertrag von Meersen vom August 870 vereinbart. Danach erhielt Ludwig die Gebiete östlich von Maas, oberer Mosel und Saone, mithin auch Metz und Aachen, verzichtete aber auf die Gegenden von Lyon und Vienne, die Lothar II. erst 863 als Erbe Karls von der Provence gewonnen hatte. Dort schritt KARL DER KAHLE sogleich gegen Graf Gerhard von Vienne, seinen alten Feind, ein und ersetzte ihn durch seinen neuen Schwager Boso, während im nördlich angrenzenden Raum zwischen Jura und Alpen, der unverändert zum Reich LUDWIGS II.gehörte, schon seit längerem der WELFE Konrad, wie sein Bruder Hugo der Abte ein Vetter KARLS DES KAHLEN, dominierte, nachdem er 864 Hukbert bezwungen und getötet hatte. Zum Ersatz für das entgangene Aachen baute KARL in den folgenden Jahren die Pfalz Compiegne aus und verband mit ihr ein Stift, das 877 eingeweiht wurde.
      KARL DER KAHLE konzentrierte sich auf das Kaisertum, dessen Weitergabe nach LUDWIGSTod beim Papst liegen würde, und ließ sich 872 von Hadrian II. wie auch dessen Nachfolger Johannes VIII. (872-882) vertrauliche Zusagen geben, während sein Bruder über eine Art Hausvertrag die Nachfolge seines Sohnes Karlmann sichern wollte. KARL DER KAHLE, vom Papst herbeigerufen, drang eilends in die Lombardei vor und vermochte dort im Herbst zuerst KARL III., dann auch Karlmann, den Söhnen des von der Witwe Angilberga alarmierten Ludwigs des Deutschen, den weiteren Vormarsch abzuschneiden. Obwohl sein Bruder Ludwig ins W-Frankenreich eindrang und Weihnachten 875 in KARLS Pfalz Attigny feierte, drang KARL davon unberührt weiter nach Rom vor, wo er am 17.12. Einzug hielt und am 25.12., genau 75 Jahre nach seinem Großvater, aus der Hand des Papstes die Kaiserkrone empfing. Von großer historischer Tragweite war, dass diese Rangerhöhung auf einer Auswahlentscheidung Johannes' VII. beruhte und erst in der Krönung rechtliche Gestalt gewann, denn so sollte es fortan auf Jahrhunderte bleiben.
      Als Kaiser, von dem zumal der Papst tätigen Schutz der römischen Kirche erwartete, hätte KARL DER KAHLE sogleich Anlaß gehabt, gegen die wieder offensiv gewordenen Sarazenen im S einzuschreiten, doch überließ er dies dem dux Lambert von Spoleto und dessen Bruder Wido II. (aus dem durch LOTHAR I. dorthin gekommenen fränkischen Hause der WIDONEN) und ging selber daran, sich in der Nachfolge LUDWIGS II. wenigstens in Mittel- und Oberitalien Achtung zu verschaffen. Da sich die ostfränkischen Neffen verzogen hatten, brachte er ziemlich mühelos in Pavia eine Reichsversammlung zustande, die ihn im Februar 876 zum protector und defensor des italienischen Regnums proklamierte. Als bevollmächtigter dux und missus setzte er seinen Schwager Boso von Vienne ein, der sich alsbald durch Heirat mit Irmingard, der Tochter LUDWIGS II., eine zusätzliche Legitimation für eine umfassende Statthalterschaft sicherte. KARL selbst strebte nämlich eine schnelle Rückkehr nach W-Franken an, wo er eingedenk des erst kürzlichen Einfalls Ludwigs des Deutschen seine Autorität mit Hilfe der in Rom erlangten hohen Würde neu befestigen wollte. Aufsehen erregte, dass er "alle Gewohnheit fränkischer Könige verachtend" sich nach Meinung der Fuldaer Annalen den Seinen in unüblicher Kleidung präsentierte, "den Königstitel ablegte und sich Kaiser und Augustus nennen ließ über alle Könige diesseits des Meeres". Forum seines gesteigerten Selbstgefühls wurde eine große Versammlung im Juni/Juli in Ponthion, auf der er "in golddurchwirktem Gewand", sehr zum Verdruß des anwesenden Hinkmar von Reims, die vom Papst gewährte Erhebung des Erzbischofs Ansegis von Sens zum apostolischen Vikar "für Gallien und Germanien" (wie einst Drogo) bekanntgeben ließ, eine akklamatorische Bekräftigung seines Kaisertums entgegennahm und allen Anwesenden einen förmlichen Treueid abverlangte. Dass Große, wie ausdrücklich bezeugt wird, "aus Franzien, Aquitanien, Septimanien, Neustrien und der Provence" zugegen waren, machte das 843 geschaffene W-Frankenreich zum ersten (und einzigen) Male in vollem räumlichen Umfang erfahrbar und bezeichnet den Höhepunkt in KARLS langer Regierung. Er schien sein Erbteil endlich geeint und nach der Vermehrung um das halbe Lotharingien obendrein fest mit Italien verbunden zu haben, so dass der Kaisertitel einem ganz offenkundigen Übergewicht im Verhältnis zu dem älteren Bruder im Osten Rechnung trug. Bevor seine Neffen nach dem Tode Ludwigs des Deutschen (28.8.876) überhaupt zu einer Teilung zusammenkamen, sahen sie sich durch einen eiligen Vormarsch ihres kaiserlichen Onkels herausgefordert, der, ungeachtet einer gerade wieder akuten Normannengefahr im Seineraum, über Aachen nach Köln vordrang, um die Annexion des östlichen Lotharingien und wohl auch der linksrheinischen Gebiete O-Frankens um Mainz, Worms und Speyer, also die Rheingrenze, durchzusetzen. Wenige Tage nachdem seine Kanzlei bereits eine Urkunde "im ersten Jahr der Nachfolge des Königs Ludwig" datiert hatte, brachte ihm jedoch Ludwig der Jüngere mit einem Aufgebot aus Sachsen, Thüringern und Franken am 8.10.876 bei Andernach eine empfindliche Niederlage bei, die ihn zum sofortigen Rückzug und zur Aufgabe seiner Pläne nötigte.
      KARLS DES KAHLEN kaiserliche Autorität hatte mit dem Debakel von Andernach ihren Zenit überschritten. Weder vermochte er weiter den Bestand des nun dreigeteilten O-Frankenreiches zu bedrohen, noch gelang ihm die Vertreibung der Wikinger von der unteren Seine auf andere Weise als durch einen hohen Tribut, der im Frühjahr 877 über eine allgemeine Umlage in W-Franken aufgebracht werden mußte. Als dann auch noch die Hilferufe des Papstes immer dringender wurden, der über sarazenische Raubzüge in der römischen Campagna, über die Bedrohung der Stadt selbst und über die Untätigkeit der Spoletiner Herzöge klagte, war die Überforderung KARLS augenscheinlich: Er mochte sich dem Appell an seine Kaiserpflichten nicht länger entziehen, zumal unmittelbar auch seine Hoheit über Italien auf dem Spiel stand, stieß aber mit dem Plan eines abermaligen Zuges über die Alpen bei den Großen seiner Umgebung auf sichtlichen Widerwillen. Da Dauer und Ausgang des Unternehmens völlig ungewiß waren, schienen sorgsame Vorkehrungen erforderlich, wie sie auf einer Reichsversammlung in Quierzy im Juni 877 in einem Kapitular niedergelegt wurden. Darin wird mit einem Sieg über die Sarazenen ebenso wie mit der Nachricht vom Tod des Kaisers oder einem ostfränkischen Angriff in der Zwischenzeit gerechnet, in jedem Fall aber den Lehnsträgern die Aussicht auf Erblichkeit ihrer Lehen nach kriegsbedingten Todesfällen eröffnet. Im Mittelpunkt steht jedoch die Einsetzung Ludwigs des Stammlers zum Regenten unter Bedingungen, die von massivem "Mißtrauen des Vaters gegen den einzig möglichen Thronerben" (C. Brühl) diktiert scheinen.
      Der von den westfränkischhen Großen allenfalls hingenommene Italienzug wurde ein Fiasko. KARL DER KAHLE traf Anfang September in Vercelli und Pavia mit Johannes VIII. zusammen, der ihm von einer kurz zuvor in Ravenna gehaltenen großen Synode zur Bestätigung seiner Kaiserwürde berichtete, erfuhr jedoch gleichzeitig, dass sein Neffe Karlmann von O-Franken mit starker Heeresmacht die Alpen überquert hatte und ihm entgegeneilte. Da er sich mit seinem geringem Gefolge dem nicht gewachsen fühlte, forderte er dringend die verabredete Heranführung des westfränkischen Hauptkontingents an, mußte aber erleben, dass sich ihm nun seine Großvasallen versagten, allem voran Boso von Vienne, doch auch Hugo der Abt, Bernhard von Autun, Bernhard von Gothien und andere. Es blieb dem Kaiser nichts übrig als die Preisgabe Italiens und schleunige Flucht über die Alpen, bei der er kurz nach dem Passieren des Mont-Cenis am 6.10.877 in dem Dorf Avrieux in Savoyen mit 54 Jahren gestorben ist. Nach provisorischer Bestattung im Kloster Nantua wurde er später nach Saint-Denis überführt. Auch wenn der letzte Enkel des großen KARL als Gescheiterter die historische Bühne verließ, hat er doch für die französische Geschichte keine geringere Bedeutung gehabt als sein Bruder Ludwig für die deutsche.

      Mühlbacher Engelbert: Band II Seite 336, "Deutsche Geschichte unter den Karolingern"

      Flucht und Tod Kaiser KARLS II.

      Aus ihrer Sicherheit wurden sie durch die Nachricht aufgeschreckt, daß der Bayern-König Karlmann mit einem starken Heer in Italien eingebrochen sei und gegen Pavia marschiere. Papst und Kaiser flüchteten. Erst in Tordona machten sie Halt. Schleunigst ließ der Kaiser noch hier in der kleinen Landschaft, statt, wie es wohl geplant gewesen war, in Rom seine Gemahlin zur Kaiserin krönen und sandte sie mit seinen Schätzen über den Mont Cenis nach St. Maurienne voraus. In steigender Angst erwartete er die aufgebotenen Lehensmannen. Er wartete vergeblich, seine Getreuesten überließen ihn seinem Schicksal. Das Mißvergnügen über den Zug nach Italien, der ihnen so große Opfer zumutete, hatte fast alle Großen des W-Reiches und selbst die Bischöfe zu einer Verschwörung gegen den Kaiser geeint. Sie verweigerten den Zuzug. Schon nahte auchKarlmann. "Nach seiner Gewohnheit - denn sein Leben lang pflegte er, wo er dem Feind die Stirne bieten sollter, offen den Rücken zu kehren oder heimlich seinen Soldaten davonzulaufen", schreibt der deutsche Annalist - ergriff der Kaiser die Flucht. Auf der hastenden Flucht packte den Kaiser das Fieber. Man beschuldigte seinen Leibarzt, einen Juden Sedechias, der ihm ein Pulver verordnet hatte, daß er ihm Gift gereicht habe. In einer Sänfte wurde der Todkranke über den Mont Cenis gebracht. In einem kleinen Weiler, Namens Brides, mußte Halt gemacht werden. Nur eine elende Hütte bot Unterkunft. Die Kaiserin wurde herbeigeholt. Aus den Händen des Sterbenden empfing sie eine Urkunde, welche seinen Sohn Ludwig zum König bestellte, und die Reichsinsignien, das "Schwert des heiligen Petrus", die königlichen Gewänder, Krone und Zepter, um sie dem Thronfolgter zu überbringen. Am 6. Oktober 877 starb KARL DER KAHLE. Die Leiche wurde einbalsamiert und auf einer Bahre weitergetragen, sie sollte un St. Denis, wie der Verstorbene es gewünscht hatte, bestattet werden. Doch bald verbreitete sie einen so greulichen Gestank, daß man sie in ein innen und außen verpichtes und in Leder eingenähtes Faß legte. Es half nichts. Der Verwesungsgeruch wurde immer unerträglicher. Man vermochte die Leiche nicht mehr weiter zu schaffen und übergab sie im Kloster Nantua (unfern Lyon) in dem Faß, das als Sarg gedient hatte, der Erde. KARL DER KAHLE hat eine seiner würdiges Ende gefunden.

      13.12.842 1. oo Irmintrud, Tochter Odos von Orleans, 27.9.830-6.10.869
      12.10.869 2. oo Richilde, Tochter des Grafen Buin, 1.8. -22.3.929

      Kinder:
      1. Ehe
      - Judith 844- 870
      1.10.856 1. oo Aethelwulf König von Wessex - 858
      858 2. oo Aethelbald König von Wessex - 860
      862 3. oo Balduin I. Graf von Flandern - 879
      - Ludwig II. der Stammler 846-10.4.879
      - Karl König von Aquitanien 847/48-29.9.866 durch Unfall
      - Karlmann Abt von St. Germain d'Auxerre (22.1.866-876) - 876
      - Lothar Abt von St. Germain d' Auxerre um 850-25.12.865
      - Ermentrud Äbtissin von Hasnon
      -
      2. Ehe
      - Rothild 871-22.5.928/29
      890 oo Rotger Graf von Maine - 31.10.900

      Literatur:
      Althoff Gerd: Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000, Seite 12 - Bauer Dieter R./
      Histand Rudolf/Kasten Brigitte/Lorenz Sönke: Mönchtum - Kirche - Herrschaft 750-1000 Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1998, Seite 122,152,160,165,228,282 - Black-Veldtrup Mechthild: Kaiserin Agnes (1043-1077) Quellenkritische Studien. Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 1995, Seite 10,103,104,136 - Borgolte Michael: Die Grafen Alemanniens in merowingischer und karolingischer Zeit. Eine Prosopographie. Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1986, Seite 108, 166-168,228,259 - Borgolte Michael: Geschichte der Grafschaften Alemanniens in fränkischer Zeit. Vorträge und Forschungen Sonderband 31 Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1984, Seite 194,255 - Deutsche Geschichte Band 1 Von den Anfängen bis zur Ausbildung des Feudalismus Mitte des 11. Jahrhunderts. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin 1982, Seite 328,329,330,331,336,341,342,343,349,355,358 - Diwald Helmut: Heinrich der Erste. Die Gründung des Deutschen Reiches. Gustav Lübbe Verlag GmbH, Bergisch Gladbach 1987, Seite 97,108,213,223,312 - Dümmler Ernst: Die Chronik des Abtes Regino von Prüm. Verlag der Dykschen Buchhandlung Leipzig Seite 9-11,13-16,24,31-34, 43-49,54,55,60-66 - Dümmler Ernst: Geschichte des Ostfränkischen Reiches. Verlag von Duncker und Humblot Berlin 1865 Band II Seite 21,31,33-49,51-60, 64,262,476,650 - Ehlers Joachim: Die Kapetinger. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000, Seite 9,13,15,18,20,22,32,44,46, 48,61 - Ehlers Joachim/Müller Heribert/Schneidmüller Bernd: Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498. Verlag C. H. Beck München 1996, Seite 13,16,20,24,30,33,50,86,146 - Eickhoff Ekkehard: Theophanu und der König. Otto III. und seine Welt. Klett-Cotta Stuttgart 1996, Seite 216,337 - Engels Odilo/Schreiner Peter: Die Begegnung des Westens mit dem Osten. Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1993, Seite 440,445 - Ennen, Edith: Frauen im Mittelalter. Verlag C.H. 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Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000, Seite 24,30,31,48, 51-61,63-68,110,112,117,134 - Schneidmüller Bernd/Weinfurter Stefan: Otto III. Heinrich II. Eine Wende? Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1997, Seite 37,40A,66A,274,277A,323 - Schnith Karl Rudolf: Mittelalterliche Herrscher in Lebensbildern. Von den Karolingern zu den Staufern. Verlag Styria Graz Wien Köln 1990, Seite 41,51-54,58,61-64,66,73-76,95 - Schulz, Hans K.: Das Reich und die Deutschen. Hegemoniales Kaisertum. Ottonen und Salier. Siedler Verlag, Seite 75,90,149,360 - Schwager, Helmut: Graf Heribert II. von Soissons. Verlag Michael Lassleben Kallmünz/Opf. 1994, Seite 23,24,26, 35,41,70 Anm. 336,224 Anm. 863,230 Anm. 876 - Weinfurter Stefan: Heinrich II. Herrscher am Ende der Zeiten. Verlag Friedrich Pustet Regensburg 1999, Seite 78,236 - Werner Karl Ferdinand: Die Ursprünge Frankreichs bis zum Jahr 1000. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München 1995, Seite 349, 410,413,419,426,429,433,436-446,448,480,482,513,530 - Widukind von Corvey: Die Sachsengeschichte. Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stutggart 1981, Seite 21,71,141,165 - Wies Ernst W.: Karl der Große. Kaiser und Heiliger. Bechtle Verlag Esslingen 1986, Seite 187,226,272 - Wies, Ernst W.: Otto der Große, Bechtle Esslingen 1989, Seite 24,27,50,279 - Wies Ernst W.: Otto der Große. Kämpfer und Beter. Bechtle Verlag Esslingen 1989, Seite 24,27,50,279 - [1]
    • Neue Deutsche Biographie Karl II. der Kahle

      westfränkischer König und Kaiser, * 13.6.823 Frankfurt/Main, † 6.10.877 Avrieux (Savoyen), ⚰ Nantua, dann Saint-Denis.

      Im Jahre 817 hatte Ludwig der Fromme seinen ältesten Sohn Lothar I. zum Mitkaiser und Nachfolger, Pippin und Ludwig den Deutschen zu Unterkönigen in Aquitanien und Bayern bestimmt; diese im Geiste der Reichseinheit und in Abwandlung des überkommenen Teilungsrechtes schon mehr herrschaftlich als genossenschaftlich geprägte Ordinatio imperii war als endgültige Regelung gedacht und schloß weitere Teilungen ausdrücklich aus. Die Geburt des 4. Kaisersohnes, der den großväterlichen Namen „Karl“ erhielt, durchkreuzte diese Konzeption, denn die Kaiserin Judith erstrebte auch für K. einen Anteil an der Reichsherrschaft und hatte dabei das traditionelle Rechtsdenken auf ihrer Seite. Sie setzte ihre Hoffnungen zunächst auf Lothar I., den sie zum Taufpaten und Schützer des um nahezu 30 Jahre jüngeren K. gewann, und wurde zum Mittelpunkt einer Hof- und Adelspartei, die das Programm von 817 überspielen wollte. Ihr Erfolg wurde sichtbar, als der Kaiser 829 seinen jüngsten Sohn zwar nicht mit einem eigenen regnum, aber mit einem aus alemannischen und burgundischen Ländern gebildeten Dukat ausstattete. Um die gleiche Zeit wurde der Reichenauer Gelehrte Walahfrid Strabo mit der Erziehung K. betraut, der in der Tat, soweit sich da urteilen läßt, in seiner Karolingergeneration das lebhafteste Bildungsinteresse entwickelte.

      Was 829 zugunsten K. entschieden wurde, bedeutete einen politischen Kurswechsel des Kaiserhofes und wurde der Anstoß zu dem hin und her wogenden Prinzipien- und Machtkampf der Jahre 830-35, der das Reich aufs schwerste erschütterte. Zu einer aktiven Teilnahme noch nicht imstande, war K. unter dem Schutz des Kaiserpaares trotzdem eine wichtige Figur in den rasch wechselnden Konstellationen. In einer Erbteilung, die Ludwig der Fromme (nach vorherrschender Forschungsmeinung) Anfang 831 verfügte, wurde K. Anteil in den Mosel- und Rhoneraum hinein erweitert. Doch stieß der Kaiser bereits 832 diese Entscheidung um und sprach, nach einem Feldzug gegen Pippin I., Aquitanien K. zu. Aber keine dieser Regelungen nahm Gestalt an. Im Jahre 833 kam K. mit dem Vater in die Gefangenschaft Lothars I. und wurde zeitweilig nach Prüm in Gewahrsam gegeben. Auch nach der Wiedereinsetzung Ludwigs des Frommen (Anfang 834) blieb die Frage einer Ausstattung K. zunächst in der|Schwebe. Das Ziel war – offensichtlich unter dem Einfluß Judiths – immer noch ein Einvernehmen mit Lothar I., der sich aber gegen alle Aussöhnungsbemühungen des Hofes sperrte. Ohne Verständigung mit ihm bestimmte Ludwig 837 weite Länder im Raum zwischen Rhein, Seine und Nordküste (also ganz andere Gebiete als vorher) zum Anteil K. Ludwig der Deutsche, mit dem Vater wieder überworfen, sollte auf Bayern beschränkt bleiben. Im September 838 folgte in der Pfalz Quierzy die Schwertleite und Königskrönung des nunmehr als volljährig geltenden K. Als aber Pippin I. von Aquitanien 838 starb, schien der Weg frei: Ludwig der Fromme schob den aquitanischen Erbanspruch seines Enkels Pippin II. beiseite, entbot Lothar I. zu einer Reichsversammlung nach Worms und verkündete dort (Mai-Juni 839) eine Teilung des Gesamtreiches außer Bayern nur zwischen Lothar I. und K., dem die westlichen Länder bis zu einer Linie von der Maas zum Genfer See zufallen sollten. Gegen diese Entscheidung aber setzten sich sowohl Ludwig von Bayern wie ein Teil des aquitanischen Adels zur Wehr, der Pippin II. zum König ausrief. Mit K. im Gefolge zog der Kaiser noch im gleichen Jahre zu Felde, nahm in der Nähe von Clermont für sich und K. die Huldigung der ihm ergebenen Aquitanier entgegen und schickte K. mit Judith zu längerem Aufenthalt nach Poitiers voraus. Daß Aquitanien, wie bereits 832 vorgesehen, den Kern von K. Reichsteil bilden sollte, war klar bekundet.

      Als Ludwig der Fromme am 20.6.840 gestorben war, schob Lothar I. jedoch die Abmachung vom Vorjahr beiseite u. beanspruchte alle Kaiserrechte aus der Ordinatio von 817. Zwischen Lothar und Pippin II. eingekeilt, geriet K. in Bedrängnis, wußte sich aber zu behaupten und schloß im Frühjahr 841 – in einer von selbst gegebenen Umkehrung der bisherigen Fronten – ein Bündnis mit Ludwig dem Deutschen. Am 25.6.841 unterlag Lothar, dem sich Pippin II. angeschlossen hatte, in der blutigen Bruderschlacht von Fontenoy bei Auxerre, die den tief bedrückten Zeitgenossen wie ein Gottesurteil, wie ein Sieg des Teilungsrechtes über die Einheitsidee erschien. K. und Ludwig mit ihren Vasallen erneuerten ihr Bündnis durch die Straßburger Eide vom 14.2.842, die, im volkssprachlichen Wortlaut überliefert, als ältestes Denkmal französischer und eines der ältesten deutscher Sprache mit Recht berühmt sind, den Historiker freilich nicht schon zu einer politisch-nationalen Interpretation verleiten dürfen. Lothar gab endlich auf, zumal die Großen aller Reichsländer zum Frieden drängten. Die 3 Brüder trafen sich im Juni 842 auf einer Saône-Insel bei Mâcon, im November in Diedenhofen und einigten sich auf einen langen Waffenstillstand zur Vorbereitung einer möglichst gleichmäßigen Dreiteilung von außen nach innen, das heißt auf der Basis von Italien, Bayern und Aquitanien als Reichsteilen Lothars, Ludwigs und K. Im August 843 kam dann der Vertrag von Verdun zustande, der den Westen bis zur ungefähren Linie der Flüsse Schelde, Maas, Saône, Rhône K. zusprach, während Lothar I. ein Mittelreich bis zum Rhein und zur Nordsee, Ludwig der Deutsche den Osten erhielt, freilich mit einer weiten Ausbuchtung um Mainz.

      Der Vertrag von Verdun zog nur Binnengrenzen dynastischer Zuständigkeitsbereiche innerhalb des regnum Francorum, das der Idee nach als Einheit fortbestand, jetzt freilich unter einer karolingischen Samtherrschaft, die dem Kaiser nur noch einen Ehrenvorrang beließ. Als endgültig und unabänderlich wurde diese Ordnung noch keineswegs empfunden: ob eine föderative Einheit sich behaupten, ob eine andere Aufgliederung Platz greifen oder ob umgekehrt die Reichsteile sich zu Teilreichen verselbständigen würden – das war eine offene Frage, auch und gerade für den Herrschaftsbereich K. Die 3 Brüder trafen sich 844 in Diedenhofen, 847 und 851 in Meerssen zu feierlichen Beschlüssen und Mahnungen über gemeinsames Handeln, die freilich nicht viel fruchteten. In wiederholten Zweiertreffen – so K. mit Lothar I. 849, 852, 853, 854, mit Ludwig 849 – gingen Mißtrauen und Ausgleichsbemühungen ineinander über. Trotz wechselnder Spannungen hielt jedoch im 1. Jahrzehnt ein leidlicher Friede vor, aber mit der gegenseitigen Hilfe war es nicht weit her, jeder blieb auf sich selbst gestellt.

      Die dem erst 20jährigen K. zugefallenen gallischen Länder waren wirtschaftlich, kulturell und politisch im ganzen weiter entwickelt als etwa der germanische Osten. K. vermochte daher mit der Kontinuität von Hofkapelle, Hofschule und Kanzlei, Hoftagen und Synoden, Kapitulariengesetzgebung und Herrscherrepräsentation mehr an hochkarolingischem Herrschaftsstil fortzusetzen als bei seinen Brüdern erkennbar ist. Wir kennen über 350 echte Urkunden K. im Wortlaut, von etwa 70 weiteren haben sich Spuren erhalten; ferner sind 29 Kapitularien und 28 Briefe auf uns gekommen. Als K. Erzkapläne begegnen der Bischof Ebroin von Poitiers († 854) und der Abt Hilduin von Saint Germain-des-Prés († 860), als seine Erzkanzler der Abt Ludwig von Saint Denis (Enkel Karls des Großen,|† 867), dann der Abt Gauzlin von Jumièges († 886 als Bischof von Paris). Erst recht zeugt die dem Westkönig dargebrachte Widmung zahlreicher Schriften teils gelehrten, teils literarischen Charakters vom besonderen geistigen Rang seines Hofes, wo, neben anderen Gelehrten, schon seit circa 845 der Ire Johannes Scotus († circa 877) eine Heimstatt fand, als Übersetzer griechischer Väter und als spekulativer Theologe die bedeutendste Gestalt seines Jahrhunderts. Auch politisch konnte sich K. auf Kirchenmänner stützen; insbesondere der EB Hinkmar von Reims präfiguriert bereits den geistlichen Staatsmann des Hochmittelalters. Seine wiederholten Konflikte sowohl mit seinen Untergebenen wie mit Rom sind von hoher grundsätzlicher Bedeutung, berühren die Biographie K. jedoch nur am Rande.

      Von einem „Westfränkischen Reich“ K. kann freilich nur in historischer Rückschau gesprochen werden; eine Selbstbezeichnung dieser Art, etwa im Stil der Kanzlei, gab es nicht. Politisch-militärisch war K. Herrschaftsbereich ein sehr labiles Gebilde, dessen relativ hoher innerer Entwicklungsstand in manchem der Königsgewalt sogar abträglich war. Den fränkisch-neustrischen Norden verband keineswegs ein besonderes Gemeinsamkeitsbewußtsein mit Aquitaniern und Burgundern oder gar mit Basken und Bretonen, die oft genug vielmehr in offener Feindschaft verharrten. Die weiten Küsten mit den zahlreichen Flußeinfahrten, die Städte und Klöster, auch des Binnenlandes bis Tours, Orléans und Paris, waren seit 841 und dann wieder seit 850 – weit mehr als im Mittel- und im Ostreich – schlimmsten Heimsuchungen durch die dänischen Wikinger (Normannen) ausgesetzt, deren man sich lange Zeit kaum zu erwehren wußte; immer häufiger wurde der Abzug durch empfindliche Zahlungen erkauft – so 845 vor Paris erstmals von K. selber, der das Gesetz des Handelns nicht an sich zu ziehen vermochte und die improvisierte Gegenwehr den regionalen Gewalten überlassen mußte. Dies wiederum verstärkte die im Westreich ohnehin weit gediehene Gewichtsverlagerung zum Adel hin, die Feudalisierung der Ämter mit der Tendenz zur Erblichkeit, ja die Ausbildung von Mittelgewalten, die sich – freilich noch fluktuierend – von Flandern bis Septimanien zu formieren begannen.

      Der ziemlich stetige Fluß von K. Urkunden und Kapitularien darf also für die erste Zeit seiner Regierung nicht täuschen; die Königsgewalt, vor der Aufgabe einer Friedenssicherung nach innen und außen versagend, mußte mit dem Adel paktieren und hatte größte Mühe, sich zur Geltung zubringen. Am ehesten vermochte sich K. zunächst in der neustrischen Francia nördlich der Loire zu behaupten, die ihm schon 837/39 zugesprochen worden war. In Coulaines bei Le Mans hielt er Ende 843 einen Hoftag und vereinbarte in einem (als Kapitular verkündeten) „Vertrag“ mit den geistlichen und weltlichen Großen die gegenseitige Respektierung der honores. Die im Vergleich zu den Zeiten Karls des Großen längst verstärkte Mitsprache der Aristokratie, einem schwachen König abgerungen, hat dem Westreich in der Folge schwere Erschütterungen eingebracht, hat auf weite Sicht aber zu einer gewissen Konsolidierung, zur Entwicklung eines nicht ausschließlich vom dynastischen Willen bestimmten politischen Bewußtseins beigetragen.

      Das politische Eigenbewußtsein des Sonderreiches, das K. Kernland sein sollte, lehnte sich freilich vorerst gegen ihn auf. In Aquitanien behauptete sich, mit starkem Rückhalt beim einheimischen Adel, der im Vertrag von 843 von seinen Oheimen übergangene Pippin II. K. Feldzug gegen den Neffen endete am 14.6.844 mit einer Niederlage. K. wußte sich keinen anderen Rat, als im Mai 845 zu Fleury an der Loire in einem förmlichen Friedensvertrag fast ganz Aquitanien Pippin zu überlassen. Schon 844 war unterdes der Bretonenfürst Nominoë nach Neustrien eingedrungen. Auch von ihm wurde K. am 22.11.845 bei Ballon (unweit Le Mans) geschlagen, auch mit ihm schloß er 846 Frieden. Trotz einer nominell weiterhin anerkannten Lehnshoheit K. über Aquitanien und Bretagne war die territoriale Ordnung von Verdun auf breiter Front durchbrochen.

      Darauf aber folgte ein Umschwung. Da Pippin erst recht nicht zu nachhaltiger Normannenabwehr imstande war, ging ein großer Teil des aquitanischen Adels schließlich zu K. über, ohne darum jedoch auch der Entscheidung von 843 formell beizutreten. Man schuf einen von Verdun unabhängigen Rechtstitel, indem K. 848 in Orléans von „fast allen“ weltlichen und geistlichen Großen Aquitaniens gewählt und vom EB Wenilo von Sens gesalbt und gekrönt wurde. Damit traten, in mindestens theoretischer Rivalität zum reinen dynastischen Erbrecht, Königswahl und geistliche Königsweihe in die westfränkisch-französische Geschichte ein, denn die Geltung der sakralen Königsautorität wurde alsbald über Aquitanien hinaus auf K. Herrschaft überhaupt bezogen. Auch der politische Erfolg blieb jetzt nicht aus: der größte Teil des|aquitanischen Adels huldigte K. 849 in Limoges, die Stadt Toulouse kapitulierte; Pippin, dessen Anhang dahinschmolz, wurde 852 an K. ausgeliefert und nach Soissons in Klosterhaft gegeben. Die Bretagne dagegen entglitt K. immer mehr. Nominoë verselbständigte sein Land sowohl politisch wie kirchlich, indem er eine Kirchenprovinz Dol errichtete und sich, wohl 850, zum König krönen ließ. Er starb zwar 851 auf einem Feldzug nach Neustrien, aber sein Sohn Erispoë schlug das Heer K. am 22.8.851 und erzielte in einem Frieden zu Angers, gegen eine nominelle Huldigung, die Anerkennung seiner Königswürde und die Abtretung der Grenzmark um Rennes und Nantes. Im Herbst 852 raffte sich K., diesmal sogar vom Kaiser Lothar persönlich unterstützt, zur Belagerung eines Normannenstützpunktes an der Seine auf, wagte aber keinen Kampf und erkaufte Anfang 853 wieder den Abzug. Die Überfälle der Wikinger, die sich in den Mündungsgebieten von Gironde, Loire und Seine festgesetzt hatten, erreichten neue Höhepunkte, die westfränkische Abwehr versagte immer noch.

      An diesem Unheil fand der mißgestimmte Selbständigkeitswille der Aquitanier neue Nahrung. Sie gingen 853 nicht den mit K. verbündeten Lothar I., sondern den Ostkg. Ludwig den Deutschen um Hilfe an. Dieser entsandte seinen 2. Sohn, Ludwig den Jüngeren, der Anfang 854 bis in die Nähe von Limoges vordrang. Damit war die Friedenseinung von 843 zum ersten Male offen gebrochen, aber der ostfränkische Prinz scheiterte an den gleichen – der Ordnung von 843 widerstrebenden – Kräften, die ihn gerufen hatten: Pippin II. entkam, vielleicht mit K. verzweifeltem Einverständnis, aus Soissons, die aquitanischen Anhänger fielen ihm wieder zu; von K. bedrängt, mußte Ludwig noch 854 wieder abziehen. Mit den Mitteln dynastischer Personalpolitik suchte K. weiteren Gefährdungen der Randländer vorzubeugen. Er erneuerte das seit 838 erloschene aquitanische Unterkönigtum und ließ seinen etwa 8jährigen 2. Sohn Karl „das Kind“ im Oktober 855 zu Limoges salben und krönen (durch wen, ist unbekannt), womit zugleich die sakrale Königswürde auch der nächsten Generation gesichert werden sollte. Ferner traf er sich 856 mit dem Bretonenherzog Erispoë, verlobte seinen 10jährigen ältesten Sohn Ludwig („den Stammler“) mit dessen Tochter und bestellte ihn zum Unterkönig im neustrischen Grenzraum. (Seinem 3. Sohn Karlmann dagegen hatte er keine politische Aufgabe zugedacht, sondern ihn 854 dem geistlichen Stande übergeben; seit 860 war er Abt mehrerer Klöster.)

      Eine Befriedung Westfrankens nach innen und außen war mit alledem aber keineswegs erzielt. Der Kaiser Lothar I. war am 29.9.855 gestorben; sein Mittelreich war geteilt worden: in Italien folgte ihm als Kaiser der älteste Sohn Ludwig II., der jüngere Sohn Lothar II. dagegen in den Ländern nördlich der Alpen, die nach ihm später Lotharingien-Lothringen benannt wurden. Dies warf bald neue Probleme auf und beraubte K. des Rückhalts an einer gewiß nicht energischen, aber doch auf Ausgleich bedachten Kaisergewalt, wenn er sich auch am 1.3.857 in Sankt Quentin mit dem jüngeren Lothar verbünden konnte. Unterdes hielt sich Pippin II. unbezwungen in Aquitanien, stieg die Normannenflut weiter an, während die Absicherung gegen die Bretonen verlorenging, da Erispoë 857 ermordet wurde und sein Nachfolger Salomon Ludwig den Stammler aus seinem eben errichteten neustrischen Unterkönigreich vertrieb. Die Mißstimmung der westfränkischen Großen gegen K. griff von Aquitanien auf Francien und Burgund über. Ihr Appell ging wiederum an Ludwig den Deutschen als den ältesten und stärksten, der Idee nach für das Gesamtreich mitverantwortlichen Karolingerkönig. Er war mit K. offen verfeindet und erhob 856 Pippins II. jüngeren Bruder Karl zum Erzbischof von Mainz, kam aber, selber durch Slawenkämpfe gebunden, der Aufforderung der Gegner K. vorerst nicht nach. Im Sommer 858 jedoch wurde Ludwig erneut um Hilfe gegen die „Tyrannei“ K. angegangen. Er sah jetzt die Möglichkeit vor sich, das Teilungswerk von 843 umzustürzen, und stieß von Worms aus tief ins Westreich vor. Bei Brienne an der Aube stand am 12.11.858 die militärische Entscheidung bevor, aber angesichts des allgemeinen Abfalls wagte K. keinen Kampf und wich nach Burgund aus. Ludwig trat formell die Herrschaft in Westfranken an, nahm Residenz in der Pfalz Attigny, wo er sich mit Lothar II. traf, und entbot die westfränkischen Bischöfe auf den 25.11. nach Reims. Aber während der Erzbischof Wenilo von Sens sich ihm anschloß, hielt ihm Hinkmar als Sprecher der Provinzen Reims und Rouen in einem feierlichen Absageschreiben den Griff nach K. Reich als schweres Unrecht vor. Diese von einem großen Teil des weltlichen Adels abstechende Loyalität des westfränkischen Episkopats zu K. ist ein bedeutsames Symptom für das im Wechsel der Generationen sich wandelnde politische Bewußtsein, das sich weniger am Gesamtreich als am Teilkönig zu orientieren begann. Sehr bald setzte im übrigen, unter Führung der westlichen Welfen, in der gesamten Aristokratie ein Umschwung zugunsten K. ein.|Ludwig, auf keinen Kampf mehr gerüstet, mußte am 15.1.859 einen eiligen Rückzug antreten.

      Lothar II. suchte K. bereits am 12.2.859 (im Arcis-le-Ponsart bei Reims?) auf und leitete eine Vermittlung ein, bei der Hinkmar von Reims, im Zusammenwirken mit dem westfränkischen und dem lotharingischen Episkopat, als führende Persönlichkeit hervortrat. In Anwesenheit K. und Lothars tagten Synoden in Metz (28.5.859) und in Savonnières bei Toul (14.6.859); es folgte im Juli 859 eine Begegnung K. mit Ludwig dem Deutschen. Ludwig hatte sich mit dem Fehlschlag seines zur Unrechtstat erklärten westfränkischen Unternehmens abgefunden, beharrte aber darauf, daß K. keine Sanktionen gegen die westfränkischen Großen ergreife, die auf Ludwigs Seite getreten waren; es war ein Konflikt um die noch rein persönlich bezogene Vasallen- und Herrentreue, noch keineswegs ein Problem „nationaler“ Gesinnungsloyalität. Erst nach hartnäckigen Verhandlungen einigte man sich Anfang Juni 860 im Frieden von Koblenz, der von Ludwig und K. wie 842 in beiden Sprachen beschworen wurde. Damit war die Ordnung von 843 wiederhergestellt, war ein weiterer Schritt getan auf dem Wege vom fränkischen Gesamtreich zu verselbständigten Teilreichen.

      K. Regierung trat nunmehr in eine Phase relativer Konsolidierung ein. Die aquitanische Gefahr war beschworen: Pippin II, wiederum von allen Karolingern preisgegeben, verharrte in aussichtslosem Widerstände, zuletzt im Bunde mit den Normannen, bis er 864 erneut in Gefangenschaft geriet und nach Senlis in Haft gegeben wurde. Ein Auflehnungsversuch Karls des Kindes 862 blieb eine belanglose Episode. Auch im Nordwesten setzte eine gewisse Beruhigung ein. K. vermochte 862 den Seineraum von den Normannen zu befreien und schloß 863 in Entrammes bei Le Mans einen leidlichen Frieden mit dem Bretonenherzog Salomon. Graf Robert der Tapfere († 866, Stammvater der Kapetinger) übernahm im Loireraum die Führung des Abwehrkampfes, der fränkische Widerstand versteifte sich, die Normannen wandten sich seit 865/67 allmählich von Westfranken ab. Nur an der unteren Loire behaupteten sie weiterhin einen Stützpunkt, zu dessen Bekämpfung K. 868 einen Bund mit Salomon von der Bretagne einging. Auch im Innern kam die königliche Amtsgewalt zu sichtbarer Geltung. K. hielt 862, 864 und 869 in Pîtres an der unteren Seine Reichsversammlungen ab und verkündete Kapitularien zur Sicherung von Recht und Frieden. Nicht minder blieb er, unter dem Einfluß Hinkmars von Reims, auf die Sakralisierung der Königswürde bedacht. Bereits 856 war seine Tochter Judith bei ihrer Vermählung in der Pfalz Verberie bei Senlis zur Königin von England gesalbt und gekrönt worden. Eine Königsweihe seiner Söhne erschien K. wohl nicht angezeigt, dagegen veranlaßte er 866 in Soissons eine geistliche Krönung seiner Gemahlin Irmintrud. Nachdem Karl das Kind 866 gestorben war, ließ K. 867 Ludwig den Stammler als aquitanischen Unterkönig folgen.

      Nicht mehr auf stete Defensive eingeengt, begann K. eine nach Osten gerichtete innerfränkische Politik zu entfalten. Nicht anders als in West- und Ostfranken hing die politische Zukunft des Mittelreiches von dynastischer Kontinuität ab. Der Kaiser Ludwig II. hatte 2 Töchter, aber keinen Sohn; Lothar II. lebte in kinderloser Ehe mit Theutberga und versuchte alles, um sich von ihr zu trennen und seine voraufgegangene Friedelehe mit Waldrada, von der er einen Sohn Hugo hatte, zu legitimieren. Der daraus entstehende Konflikt überschattete die 860er Jahre und zog wegen des sowohl moralischen wie politischen Aspektes weiteste Kreise. Noch im Jahre des Koblenzer Friedens ging darüber K. Freundschaft mit Lothar II. zu Ende. Nachdem Lothar 860 in Aachen eine zweimalige Synodalsentenz gegen Theutberga erwirkt hatte, übte Hinkmar in einer zornigen Denkschrift (De divortio Lotharii) scharfe Kritik an diesem Verfahren, während Theutberga nach Westfranken flüchtete und an den Papst Nikolaus I. appellierte. Auf einem großen Treffen der 3 Könige und vieler Bischöfe in Savonnières erhob K. am 3.11.862 im Einvernehmen mit Ludwig dem Deutschen und dem Papst die formelle Forderung, daß Lothar sich einem gesamtfränkischen Konzil stelle, das dann freilich nicht zustande kam. K. nahm Theutberga in seinen Schutz und wies ihr 864 das Kloster Avenay bei Reims zu. Er traf sich im Februar 865 in Tusey bei Toul mit Ludwig zu einer drohenden Vermahnung an Lothar, wahrscheinlich auch schon zu Erwägungen über eine künftige Teilung Lotharingiens. Lothar verstand sich zwar noch im gleichen Jahre zur Wiederaufnahme Theutbergas, so daß die Frage der Erbfolge wieder offen war, ließ aber von seinen Bemühungen um Waldrada und Hugo nicht ab. Dabei scheint ihm 866 eine gewisse Annäherung an K. gelungen zu sein, der sich um eben diese Zeit wegen der Bestellung des Reimser Klerikers Wulfhad zum Erzbischof von Bourges mit Hinkmar überworfen hatte. Lothar suchte zweimal, in Ortivineas (unbekannt) und Attigny, K. auf und trat ihm die reiche|Abtei Sankt Vaast in Arras ab. Es blieb jedoch bei der von selbst gegebenen Interessenpolitik: schon 867 (868?) vereinbarten Ludwig und K. eine künftige Teilung der Länder „ihrer Neffen“.

      Am 8.8.869 trat mit dem plötzlichen Tode Lothars II. der Erbfall ein. K. nutzte die Gunst der Stunde, um sich über das Anrecht des Kaisers Ludwig II. (für den der Papst Hadrian II. eintrat) und selbst über die Teilungsabsprache mit Ludwig dem Deutschen (der krank in Regensburg lag) durch raschen Zugriff auf Lothars Reich hinwegzusetzen, und ließ sich am 9.9.869 in der Karolingerstadt Metz von Hinkmar krönen. In seinem Dienst begegnet seither Boso, ein Neffe Theutbergas, dessen Schwester Richildis K. 2. Gemahlin wurde. K. blieb vorerst in Lotharingien, fand jedoch keineswegs allgemeine Anerkennung und ließ es dann auf eine Machtprobe mit Ludwig dem Deutschen nicht ankommen, sondern verstand sich im August 870 in Meerssen zu einer Aufteilung ungefähr nach der Maas-Saône-Linie. Den Widerstand des Grafen Gerhard von Vienne vermochte K. noch 870 zu brechen; ah seiner Stelle setzte er Boso ein. Die Ordnung von 843 war somit nördlich der Alpen durch eine Zweiteilung abgelöst worden, Ost- und Westfranken waren nunmehr Grenznachbarn.

      In den folgenden Jahren setzte sich die relative Konsolidierung Westfrankens fort. K. bestellte 872 Boso und andere südgallische Magnaten zu Beratern seines Sohnes Ludwig in Aquitanien, er befreite 873 Angers von den Normannen und hatte seit dem Tode Salomons (874) an der Bretonengrenze Ruhe. Getrübt waren die Jahre seit 870 freilich durch wiederholte Aufstände des seiner Abteien entsetzten Königssohnes Karlmann; er wurde schließlich 873 zur Strafe geblendet, entkam aber aus der Haft in Corbie nach Ostfranken und starb 876 in Echternach. K. Rivalität mit dem Ostkönig entzündete sich unterdes von neuem an der herannahenden Entscheidung über das Mittelreich südlich der Alpen, das heißt über die doppelte Nachfolge des söhnelosen Ludwig II. im italischen Teilreich und im Kaisertum. Ludwig der Deutsche strebte eine Lösung im dynastischen Stil karolingischer Samtherrschaft an und erwirkte vom Kaiser (872 u. 874) eine Designation seines ältesten Sohnes Karlmann von Bayern zum Nachfolger im italischen Teilreich, mit dem das Kaisertum weiter verbunden bleiben sollte. K. dagegen nutzte die römische Kaiserwürde als politischen Angelpunkt, indem er sich sowohl von Hadrian II. wie von Johann VIII. die Nachfolge im Kaisertum zusagen ließ. Somit standen sich nach dem Tode Ludwigs II. (12.8.875) zwei Anwärter auf die Kaiserkrone gegenüber – eine neuartige Situation, die dem Papst Wahl und Entscheidung in die Hand gab. K. sicherte sich wiederum durch rasches Handeln den Vorsprung: er eilte nach Italien, überspielte seinen Neffen Karlmann durch einen Waffenstillstand und empfing an Weihnachten 875 – auf den Tag 75 Jahre nach Karl dem Großen – in Rom von Johann VIII. die Kaiserkrone; der römischen Kirche erneuerte und erweiterte er seinerseits die alten Kaiserpacta. Dieses Ereignis wirkte traditionsbildend, da die Krönung durch den Papst seither für die Kaiserwürde konstitutiv blieb.

      Für K. war es der Auftakt zu einer neuen großfränkischen Politik, die nunmehr durch seine Initiative die Ordnung des Vertrages von Verdun umstoßen sollte. Der Erfolg blieb ihm zunächst treu. Eine italische Reichsversammlung in der alten Hauptstadt Pavia akklamierte ihn im Februar 876 als protector und defensor, was einer Ausrufung zum italischen König gleichkam. Als seinen dux und missus in Italien bestellte er Graf Boso von Vienne, der sich alsbald mit Ludwigs II. Tochter Irmingard vermählte. Den Höhepunkt der neuen Kaiserherrlichkeit bildete im Sommer 876 eine Reichsversammlung in Ponthion, auf der die Großen de Francia, Burgundia, Aquitania, Septimania, Neustria ac Provincia – deren Gesamtheit erst „Westfranken“ ausmachte – den Entscheidungen von Rom und Pavia beitraten, was freilich nicht bedeutete, daß der sehr gewagte Griff nach Italien von vornherein auf breite Zustimmung gestoßen wäre; die Mißbilligung durch Hinkmar ist offenkundig. Überdies machte auch Ludwig der Deutsche Ansprüche auf Italien geltend, aber er starb am 28.8.876, und jetzt sah K. gar die Gelegenheit gekommen, durch die Gewinnung des lotharischen Gesamterbes und der linksrheinischen Gebiete Ostfrankens (um Mainz) seine Überlegenheit zu einer gesamtfränkischen Vormachtstellung auszubauen. Zum dritten Male rasch handelnd, stieß er über Aachen nach Köln vor.

      Aber ein jäher Wechsel des Glücks ließ die großfränkische Politik des Kaisers westfränkischer Linie scheitern. Am 8.10.876 wurde K. bei Andernach von Ludwig dem Jüngeren entscheidend geschlagen und mußte fluchtartig weichen. Zugleich beschwor ihn der von Sarazenen und italischen Nachbarn bedrängte Papst, seiner kaiserlichen Schutzpflicht in Italien zu genügen. Das neue Unternehmen, dem die westfränk. Großen durchwegs sehr widerstrebten, bedurfte vielseitiger Vorbereitungen, angefangen mit einer großen Zahlung an die wieder im Seine-Raum heerenden Normannen. Auf einer Reichsversammlung in Quierzy verkündete K. am 14.6.877 ein Kapitular mit Bestimmungen für die Zeit seiner Abwesenheit; eine rechtsgeschichtlich berühmte Stelle handelt dabei von der bedingten Erblichkeit der Amtslehen. Johann VIII. ließ am 1.8.877 auf einer Synode in Ravenna die Übertragung des Kaisertums an K. bestätigen, reiste ihm bis Vercelli entgegen und nahm mit ihm Aufenthalt in Pavia. Aber auf die Nachricht hin, daß Karlmann von Bayern mit Heeresmacht heranrückte, wichen sie nach Tortona aus, wo der Papst die Kaiserin Richildis weihte. Da die westfränkischen Großen, voran des Kaisers Schwager Boso, weitere Hilfe verweigerten, blieb K. nichts übrig, als den Papst nach Rom zu entlassen und Italien preiszugeben. Auf der fluchtartigen Rückkehr starb er in einem Alpendorf.

      Es ist in genetischer Rückschau berechtigt, K. als den ersten König von Frankreich zu betrachten, denn seine lange und mindestens im Zeitraum 860-75 keineswegs erfolglose Regierung hat die disparaten Westländer an eine gewisse politische Gemeinsamkeit gewöhnt, die zwar erst sehr locker war, sich aber nicht mehr aufgelöst hat. Freilich dürfen, trotz der zweisprachigen Eide von 842 und 860, in dieses 9. Jahrhundert keine nationalen Mentalitäten und Gegensätze projiziert werden: was 858 geschah, war kein „deutscher Angriff auf Frankreich“, der Vorstoß K. von 876 bedeutet keinen „Beginn französischer Rheinpolitik“, es waren im wesentlichen innerdynastische Machtkämpfe in einer Welt, die sich weiterhin als gesamtfränkisch verstand und es im lateinisch geprägten geistigen Leben – nicht zum wenigsten im Umkreise K. – auch tatsächlich geblieben war. Der politische Rahmen war dagegen in einer Auflockerung begriffen, die primär durch die dynastischen Rivalitäten, durch Lebensschicksale und Leistungen der Karolingerfürsten bedingt war, auf deren Verlauf aber auch der sich allmählich akzentuierende Wille der Adelsgruppen einwirkte. Mitten in diesem fluktuierenden, unabgeklärten Werdeprozeß, der zur Entstehung Frankreichs und Deutschlands geführt hat, ist K. eine Gestalt von zeitweilig zentraler Bedeutung. Er hat eine Rückkehr zu großfränkischer Politik angesteuert – sein Fehlschlag am Rhein und in Italien hat sich als eine entscheidende Wende auf dem Wege zur deutschen Geschichte ausgewirkt.

      [2]
    • siehe auch:
      Wikipedia Karl der Kahle

    • Reich Karls des Kahlen nach dem Vertrag von Meerssen 870

      843-870 Europe


  • Quellen 
    1. [S3] Genealogie-Mittelalter.de, Karl-Heinz Schreiber, .

    2. [S21] Neue Deutsche Biographie Onlinefassung, Schieffer, Theodor, "Karl II. der Kahle" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 175-181 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118640119.html.