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Familie Piazolo |
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Thea E. Stolterfoht, Umkirch Rekonstruktion von Lebenswelten: Pietro Piazzoli – vom Comer See nach Heppenheim. I Pietro Piazzoli – in Deutschland erschien er unter dem Namen Piazolo – starb am 24.8.1774 im Alter von fast 82 Jahren in Heppenheim an der Bergstraße, das seit dem Ende des 30jährigen Krieg wieder zum kurmainzischen Territorium gehörte. Bei seinem Tode vermerkte der Pfarrer im Kirchenbuch: Ratsverwandter und Stadthauptmann, ehrlich, in allem eifrig, besonders für die Ehre Gottes, ein gebürtiger Italiener. In Heppenheim hatte er fast 60 Jahre gelebt. Er hatte sich um 1715/16 in der Stadt als sog. italienischer Kaufmann niedergelassen, zusammen mit seiner Ehefrau Elisabeth Braun, einer Biersiederstochter aus dem kurmainzischen Dieburg, die er kurz zuvor – am 24.4.1715 - in Worms geheiratete hatte. Der Eintrag im Ehebuch der Kirche St. Johannes ist der früheste urkundliche Nachweis seiner Anwesenheit in Deutschland.
Die Vorfahren lassen sich im Gebiet des Comer Sees bis in das 14. Jahrhundert zurück nachweisen. Der früheste bekannte Vorfahre ist ser Pietro, um 1390 in Pigra geboren, einem Bergdorf hoch über Argegno, im Berggebiet des Intelvi-Tales, deren Bewohner sich damals schon saisonweise als Bauhandwerker in der Umgebung oder weiter im Süden beim Bau der Klöster und Kirchen verdingten. Ser Pietro zog nach Molgisio, das zur Gemeinde Sala Comacina gehört. Von dort verbreiteten sich die Nachkommen in anderen Orten am Comer See, indem sie in die ansässigen Familien einheirateten. Im 15. Jahrhundert waren am Comer See schon die meisten derjenigen Familien ansässig, die seit dem 17. Jahrhundert in Deutschland anzutreffen waren, wie etwa die Caroveri, Cetti, Vacano, Belli oder Salici – und selbstverständlich – die zahlreichen Brentano. Alle waren sie schon in der Heimat irgendwie miteinander verwandt, und viele dieser verwandtschaftlichen Beziehungen setzten sich in Deutschland fort. Einige aus der Familie Piazzoli werden, wie es bei allen Italienern am Comer See der Fall ist, in den Kirchenbüchern als magister bezeichnet, was bedeutet, dass sie ein Handwerk ausübten, doch wird das Handwerk in den Kirchenbüchern nie genannt. Sie waren jedoch zugleich auch Bauern und Händler, denn die engen Täler am Comer See erlaubten keine echte Landwirtschaft. Aus Testamenten geht hervor, dass Angehörige der Familie schon um 1600 zumindest saisonweise ihren Wohnort verlassen hatten, um nach Süden als Bauhandwerker oder nach Norden, bis in die Schweiz, nach Basel und dann auch noch weiter nordwärts als Händler zu wandern. Sie verkauften zunächst aus Eisen hergestellte Gegenstände. Oberhalb von Menaggio hatte es zahlreiche Eisenerzbergwerke gegeben, die bereits aufgegeben waren, aber immer noch zur Herstellung von handelbaren Werkzeugen, wie Eisendrahtkämmen, dienten. Zur selben Zeit gab es aber auch schon in Como und Mailand niedergelassene Angehörige, von denen einige als Beamte aufstiegen. Um 1630 waren einige Piazzoli gemeinsam mit Angehörigen der Familie Caroveri, mit denen sie verwandt waren, als Händler in Köln, Aachen und Brüssel unterwegs. Einige Caroveri hatten sich um 1650 in Trier niedergelassen und machten dort erfolgreich Geschäfte. Ihre Tätigkeit in Deutschland übten diese Wanderhändler in der Form der kurzfristigen compagnia aus, Familiengesellschaften mit ständig wechselnden Gesellschaftern, einer von altersher in Italien bekannten Handelsform. Andrea Piazzoli aus Molgisio trieb um 1630 in Basel und Umgebung Handel. Um 1640 bevollmächtigte er Verwandte, dort ausstehende Gelder für verkaufte Waren einzutreiben. Die Söhne des Andrea setzten den Handel fort. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts waren diese, wiederum zusammen mit einigen Caroveri, auf den Messen in Leipzig und Naumburg anzutreffen, wo sie Galanteriewaren verkauften, die sie in Venedig eingekauft hatten. Der Enkel Giovanni Pietro trieb Handel in Marburg und wurde dort 1668 Bürger und Mitglied der Kramerzunft. Er war Kompagnon von Innocenzo Guaita gewesen, der 1665 die Handlung seines Onkels Giacomo Cetti in Frankfurt übernommen hatte. Auch die Söhne des Giovanni Pietro Piazzoli trieben in Deutschland Handel. Der Sohn Pietro wurde als Bürgersohn 1688 Bürger in Marburg und war bis 1699 Mitglied der Kramerzunft. Ab 1698 wird er jedoch als Ausmärcker bezeichnet und danach hört man nichts mehr von ihm. Zwischen 1690 und 1730 war ein anderer Pietro Piazzoli mit seinen Kindern in Koblenz niedergelassen. Ein anderer Piazzoli war um die Mitte des 17. Jahrhunderts nach Teschen/Schlesien gegangen. Seine Enkelin heiratete dort den Jungbürger Johann Ronk (Ronchi oder Ronchetti ?). Nachkommen lebten noch das ganze 18. Jahrhundert über in Teschen. Einige Piazzoli aus dem Berggebiet des Intelvi-Tals arbeiteten in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts als Bauhandwerker in Klosterneuburg, ein anderer war Architekt in Wien und errichtete mehrere stattliche Gebäude am Kärntner Ring. Die Vermögensverhältnisse der Familien waren regelmäßig bescheiden, bei den Bauhandwerkerfamilien aus dem Berggebiet des Intelvi-Tales jedoch günstiger als bei den Familien am Seeufer. Die Mitgift, die die Töchter erhielten, war gering und betrug im 16. Jahrhundert meistens um 100 Lire, später lag sie zwischen 100 und 200 Lire; bei den Piazzoli im Val d’Intelvi lag sie meistens darüber. Auch bei einigen Familien, z.B. bei den Prestinari, den Belli oder den Brentano war die Mitgift schon zu Anfang des 17. Jahrhunderts häufig höher, was darauf hindeutet, dass sie schon früher mit dem Handel begonnen hatten und deshalb auch größeren Grundbesitz in der Heimat besaßen.
II
Ob sich sein Vater Giovanni jemals in Deutschland aufgehalten hat, ist nicht bekannt; vielleicht hatte er als Kompagnon in der Heimat für die Beschaffung von Waren gesorgt. In den Kirchenbüchern in Italien wird er als baif bezeichnet, was man als Vogt übersetzen kann. Auch die Brüder von Pietro sind wohl nicht in Deutschland gewesen. Diese lebten nach ihrer Heirat in Canova am Comer See. Sie hatten allerdings in die Familien Masa/Salici und Redolati geheiratet, von denen Angehörige ebenfalls nach Deutschland gezogen waren. Auch viele Angehörige der Mutter, einer Bordoli (Bordollo) hatten sich in Deutschland niedergelassen. Die Umstände der Niederlassung von Pietro Piazolo in Heppenheim und später seiner Aufnahme als Bürger lassen sich nur vermuten, weil die entsprechenden Archivalien fehlen. Bereits die Niederlassung als Beisasse bedurfte der Erlaubnis des Rats. Anzunehmen ist, dass er seine Niederlassung in Heppenheim gut vorbereitete hatte. Er kam mit einer Ehefrau nach Heppenheim, die aus einer kurmainzischen bürgerlichen Familie stammte und ihm damit in der ständischen Gesellschaft einen gewissen Status vermittelte. Außerdem brachte sie aus Grundstücken bestehende Mitgift mit, so dass er ausreichendes Vermögen für die Erlaubnis zur Niederlassung nachweisen konnte. Wahrscheinlich war er als streng gläubiger Katholik auch nicht ohne Empfehlungsschreiben der katholischen Kirche in Worms erschienen. Der Bruder der Braut war damals Vikar am Dom zu Worms. Für die Bürgeraufnahme war nicht nur die Vorlage eines Geburtsbriefes und des Nachweises einer freien Geburt notwendig, sondern auch der Nachweis von Vermögen. Schon kurz nach dem 30jährigen Krieg durfte in den kurmainzischen Städten nur noch derjenige als Bürger aufgenommen werden, der ein Vermögen von 200 Gulden – in Mainz benötigte man 300 Gulden – vorweisen konnte. Pietro Piazolo war sicherlich mit einigem Vermögen nach Heppenheim gekommen, das er sich als Ladendiener in Worms verdient hatte. Außerdem dürfte er, als er nach Deutschland ausreiste, sein Erbe ausgezahlt erhalten haben, denn im Testament seines Vaters 1714 wurde er nicht mehr erwähnt. Bei der Taufe seines 2. Sohnes Johann Sigismund im März 1719 war Pietro Piazolo bereits Bürger, so dass anzunehmen ist, dass er zu Martini 1718 seine Bürgeraufnahme erfolgt war. Er war damals 26 Jahre alt und hatte nach etwa 2 ½ Jahren des Aufenthalts das Bürgerrecht erworben, was für die damalige Zeit schon als kurze Wartezeit zu betrachten ist, zumal da zu berücksichtigen ist, dass auch die Ehefrau nicht aus der Stadt stammte. Allem Anschein nach wurden seiner Bürgeraufnahme seitens des Rats keine Hindernisse in den Weg gelegt. Christoph Ferrari, der ungefähr zur selben Zeit in die Nachbarstadt Bensheim als Kompagnon des dortigen Carlo Cetti gekommen war, hatte noch nahezu 20 Jahre auf seine Bürgeraufnahme warten müssen (bis 1734), obwohl auch dort noch um 1700 mehrere Italiener nach schon kurzem Aufenthalt als Bürger aufgenommen worden waren. Bereits im Jahre 1723 ordnete der Mainzer Kurfürst für sein Territorium an, dass Ausländer, vor allem italienische Krämer ohne Vorwissen und Genehmigung der Regierung zu Bürgern angenommen werden dürften. Im Mai 1738 wurde Pietro Piazolo zusammen mit Jakob Werlein in den Rat gewählt, nachdem zwei Ratsherren verstorben waren. Der Rat hatte zuvor der Obrigkeit vier Kandidaten vorgeschlagen, aus deren Kreis diese dann die ihr als qualifiziert erscheinenden bestimmte. Schon seit der Mitte des 17. Jahrhunderts durfte der Rat neue Ratsmitglieder nicht ohne Zustimmung des Landesherrn wählen, was aber nicht immer eingehalten wurde. Zur damaligen Zeit war es auch in den kurmainzischen Landstädten nicht mehr möglich, nach nur wenigen Jahren des Aufenthalts in den Rat zu gelangen. Man musste Verdienste vorweisen können, die Piazolo zur Genüge besaß. Er war seit 1734 Stadtleutnant gewesen und hatte auch bereits andere, weniger beliebte Ämter wahrgenommen. Von Bedeutung dürfte aber auch seine tiefe Religiosität gewesen sein, die sich aus einigen Hinweisen erschließt. Als Ratsmitglied hatte er überdurchschnittlich häufig das Amt des Baumeisters inne, das das wichtigste und umfangreichste städtische Amt war. Als Pietro Piazolo Ratsmitglied geworden war, bestanden verwandtschaftliche Beziehungen zu anderen Ratsfamilien noch nicht. Aber sein 1719 geborener Sohn Johann Sigismund hatte bereits die Universität in Heidelberg absolviert, sicherlich ein weiterer Umstand, der für das Ansehen des Vaters in der damals noch außerordentlich stark von ständischem Denken geprägten Stadt von Bedeutung war. Nur noch ein Sohn eines Kaufmanns aus Heppenheim studierte damals in Heidelberg, die übrigen Studenten aus der Stadt waren die Söhne des Schultheißen, des Oberamtsschreibers, des Kellers, eines Lehrers und des Posthalters. Der Sohn hatte seit 1735 – im Alter von 16 Jahren – zwei Jahre lang Logik studiert, wie viele Söhne italienischer Kaufleute in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Wie die meisten Söhne bürgerlicher Familien verließ er nach dem Logik-Studium die Universität und arbeitete wahrscheinlich anschließend einige Jahre als Schreiber, vielleicht bei einem Landschreiber auf dem Lande oder in der kurpfälzischen Kanzlei. Der mindestens zweijährige Besuch der Landesuniversität war Voraussetzung dafür, in der Kurpfalz eine Dienerstelle zu erhalten. Seit 1742 war Johann Sigismund Gerichtsschreiber in dem kurpfälzischen Dorf Hockenheim und wenig später zugleich auch in den Nachbarorten Walldorf und Reilingen. Seine beiden Söhne folgten ihm als Gerichtsschreiber in Hockenheim und Reilingen nach. Der Sohn Lorenz Joseph, Gerichtsschreiber in Reilingen, hinterließ keine männlichen Nachkommen. Der Sohn Ludwig Joseph Ignatz heiratete in eine der vermögenden Hockenheimer Familien ein. Dessen Sohn, Johann Sigismund, besuchte wiederum die Universität und schloss 3 Mal vorteilhafte Ehen, mit Töchtern aus Hockenheimer Familien, die der reformierten Religion angehörten. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war die Religionszugehörigkeit - jedenfalls in der Kurpfalz – nicht mehr von wesentlicher Bedeutung. Die Söhne von Johann Sigismund wurden Kaufleute, einer von ihnen gründete die erste Tabakfabrik in Hockenheim, die bis 1917 bestand. Von dem jüngsten, 1725 geborenen Sohn Johannes von Pietro Piazolo ist erstmals im Jahre 1763 etwas zu hören, als der schon 71jährige Vater kurz vor der Eheschließung seines Sohnes mit der Mutter der Braut einen Ehevertrag schloss. Darin übertrug der Vater seinem Sohn Haus und Handlung zur Nutznießung - noch nicht zu Eigentum - für 1.200 Gulden. 600 Gulden konnte er sofort „einbehalten“, die weiteren 600 Gulden hatte Johannes in jährlichen Raten von 50 Gulden zu zahlen, beginnend mit dem Tod des Vaters. Die weit jüngere Braut, Tochter des verstorbenen Lorscher Ratspedells Philipp Jakob Schweitzer, brachte keine nennenswerte Mitgift in die Ehe. Erst ein Jahr nach seiner Eheschließung wurde Johannes als Bürger in Heppenheim aufgenommen. Wahrscheinlich hatte er sich schon seit vielen Jahren nicht mehr in Heppenheim aufgehalten, sondern anderswo eine Lehre als Kaufmann absolviert und war anschließend als Ladendiener tätig gewesen. Bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts war es üblich geworden, die Söhne nicht nur eine Lehre bei einem anderen Italiener absolvieren zu lassen. Vielmehr waren die Söhne anschließend häufig viele Jahre als Angestellter bei ihrem Lehrherrn tätig, bis sie das väterliche Geschäft übernehmen oder eine vorteilhafte Ehe schließen konnten. Johannes starb Ende 1802 und seine Witwe zahlte nur noch eine geringe Schatzung. Wahrscheinlich hatte Johannes sein Geschäft schon einige Jahre vor seinem Tod aufgegeben, weil die Bevölkerung kein Geld mehr hatte, Waren, die nicht existenznotwenig waren, zu kaufen. Die drei Töchter von Pietro Piazolo, die das Kindesalter überstanden hatten, heirateten alle in alteingesessene Heppenheimer Metzger- oder Bäckerfamilien ein, die zu den Ratsfamilien gehörten bzw. mit ihnen verwandt waren. Eine Tochter heiratete den Sohn des Unterschultheißen in Lorsch. Die Vermögensverhältnisse der Familien von Braut und Bräutigam waren im Wesentlichen gleich. Eine Einheirat in die wenigen sehr vermögenden Familien in Heppenheim gelang den Töchtern nicht. Pietro Piazolo blieb – wie es damals üblich war - bis zu seinem Tode Ratsmitglied. Nachdem seine Frau 1762 gestorben war, heiratete er 1763 im Alter von 71 Jahren die Witwe des Bensheimer Bäckers und Ratsherrn Andreas Heintz. Sie war die Tochter des in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts vielleicht erfolgreichsten Bensheimer Kaufmanns Matthäus Blösinger, der als Sohn eines Flüchtlings aus Worms als Strumpfwirker begonnen, schließlich einen umfangreichen Wein- und Tabakhandel betrieben hatte und in Bensheim Ratsmitglied geworden war.
III Pietro Piazolo hatte mit Spezereiwaren gehandelt, wie alle Italiener, die sich in den kleinen Städten niedergelassen hatten, und handelte damit nahezu mit allem, was damals zum Warensortiment der Italiener gehörte, mit Gewürzen, Stockfisch, Wachslichtern, Papier, Tabak und Nägeln. Zu den Spezereiwaren gehörten damals nicht mehr nur die Gewürze. Die sog. italienischen Früchte, die Zitronen, Pomeranzen, Oliven und Mandeln verloren bereits im Laufe der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts die große Bedeutung, die sie noch im Jahrhundert davor gehabt hatten. In Konkurrenz mit anderen Krämern, die mit Stoffen handelten, oder mit den Apothekern, die Farbstoffe und Medizinalien verkauften, scheint er nicht getreten zu sein. Denn Beschwerden wegen einer Ausdehnung seines Handels ließen sich über ihn – anders war es beispielsweise bei den Italienern in Bensheim – nicht finden. In Heppenheim gab es einen Wochenmarkt und jährlich 3 Jahrmärkte, auf denen Pietro Piazolo seine Waren anbot. Das Oberamt Heppenheim besaß ein recht großes Hinterland, dessen Bevölkerung die Märkte in Heppenheim und Bensheim besuchte. Entgegen der von Dietz in seiner Frankfurter Handelsgeschichte vertretenen Auffassung waren die Italiener auf dem Lande keine Kommissionäre der großen italienischen Händler in Frankfurt oder Mainz, von denen sie ihre Waren hauptsächlich bezogen. Die „kleinen“ italienischen Krämer auf dem Lande verkauften ihre Waren nicht für Rechnung der Lieferanten, sondern trugen das Risiko selbst. Im Laufe der Jahrzehnte änderten sich die Handelsbeziehungen der Krämer an der Bergstraße. Um die Jahrhundertmitte bezogen sie ihre Waren vielfach von Italienern in Mannheim oder Bruchsal auf den dortigen Messen. Seit der Eröffnung der Handelsmessen im Jahre 1748 in Mainz waren jedoch alle Krämer im kurmainzischen Gebiet gezwungen, nur noch die Messen in Mainz zu besuchen und ausschließlich dort ihre Waren zu beziehen, was akribisch überwacht wurde. In regelmäßigen Abständen wurde von der Regierung nach der Zahl der Krämer in einem Ort gefragt und danach, ob sie die Mainzer Messen besuchten und mit welchen mit der Akzise belegten Waren sie handelten. Im Jahre 1797 wurde Mainz von den Franzosen besetzt und der Handel kam zum Erliegen. Wenige Jahre später existierte Kurmainz nicht mehr.
IV
Die Zeit schon wenige Jahre nach dem 30jährigen Krieg bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts war die erfolgreichste Zeit der italienischen Kaufleute gewesen. Seitdem verschlechterten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse kontinuierlich. Die Waren der Italiener waren nicht mehr begehrt, weil sie nicht existenznotwendig waren und die Bevölkerung kein Geld mehr hatte. Um die Jahrhundertwende bestanden die meisten italienischen Handlungen nicht mehr. Viele Italiener teilten das Schicksal der einheimischen Bevölkerung, aber ebenso hatten viele Nachkommen italienischer Kaufleute längst andere Berufe ergriffen. Das Vermögen, das Pietro Piazolo in den 60 Jahren seiner Anwesenheit in Heppenheim erwarb, lässt sich wegen der lückenhaften Akten nicht exakt ermitteln. Seine Kinder hatten das Vermögen ihres Vaters in einem Erbstreit mit dessen zweiter Ehefrau mit 5.000 Gulden angegeben. Er hat wie alle italienischen Krämer in den Landstädten immer wieder Grundstücke erworben, gekauft, getauscht oder gepachtet, doch sind nicht alle Grundstückserwerbungen noch nachweisbar. Er hatte 2 Häuser besessen, das Haus in der Untervorstadt, das samt Laden und Zubehör mit 1.200 Gulden angesetzt und im Jahre 1817 noch mit 980 Gulden (ohne die nicht mehr existierende Handlung) bewertet worden war, sowie ein kleineres Haus an der Kirchgaß in der Nähe des Großen Markts, das seine Kinder im Jahre 1776 für 300 Gulden verkauften. Der Preis war wohl deshalb nicht besonders hoch, weil die zweite Ehefrau von Pietro Piazolo darin ein lebtägliches Wohnrecht besaß. Mit einem Vermögen von 5.000 Gulden gehörte Pietro Piazolo immerhin zum wohlhabenderen Teil der Heppenheimer Bürger. Die Vermögensverhältnisse der Italiener in anderen Land- und Amtsstädten waren ähnlich; nur wenige waren bedeutend erfolgreicher und konnten Vermögen bis zu 20.000 Gulden oder sogar das Doppelte ansammeln. Stefano Andriano in Mannheim war besonders erfolgreich und erwarb im Laufe seiner Handelstätigkeit in Mannheim ein Vermögen von über 250.000 Gulden. Peter Anton Brentano, der Vater von Clemens und Bettina Brentano hinterließ bei seinem Tode ein Vermögen von nahezu 1 Million Gulden. Aber fast die Hälfte dieses Betrages bestand aus Außenständen, vor allem an Krediten, die er verschiedenen Adligen gewährt hatte und die sie infolge des Untergangs des Alten Reiches nicht mehr zurückbezahlen konnten.
Bellagio/Comer See um 1900
Thea E. Stolterfoht
Hohenzollernweg 1
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| Stand 18.10.2007 |
© Peter Bohrer, Heppenheim |
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Email : Mail@Genealogie-Bohrer.de |
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